„Komm, wir bauen eine Igel-Höhle“

Der Herbst war bisher ungewöhnlich mild. Daher haben wir das Winterfest-Machen des Gartens immer wieder verschoben. Ich gebe zu: Die Lust auf Garten verringert sich gegen Ende des Jahres massiv, und verdaddelte Wochenenden zu Hause gewinnen an Reiz. Jetzt aber wird es langsam kalt, Zeit also für einen Besuch auf Parzelle.

Die Aufgaben sind klar: rechen, rechen, rechen und dann noch Boiler abbauen, Wasseruhr rausschrauben und Mikrowelle einpacken. Das Rechen übernehmen der Zwerg und ich. Der Zwerg will partout nicht mit seinem Kinderrechen arbeiten, also bekommt er den zweiten großen und kratzt damit unbeholfen auf dem Rasen herum. Dabei kommt er mit dem Stiel meinem Gesicht mehrmals gefährlich nahe. Mein Geschimpfe nutzt leider gar nichts, also positioniere ich mich in der entgegengesetzten Ecke des Gartens. Blöd nur, dass der Zwerg in Gesellschaft rechen will und mir hinterherkommt. Also Planänderung. Ich checke kurz, ob schon genug Laub zusammengekommen ist, und schlage dann vor: „Komm, wir bauen eine Igel-Höhle.“
Das lässt sich Zwerglein natürlich nicht zweimal sagen. Wir tragen die Äste, die ich extra für diesen Zweck seit Wochen gesammelt habe, auf das unbepflanzte Beet. Hier stapeln wir sie so, dass sie ein Gerüst bilden.

Holzstapel im unbedeckten Beet

Ein Gerüst für kiloweise Herbstlaub. Das wir mit der Schubkarre heranfahren und darüberkippen.

Holzstapel zum Teil bedeckt

Man braucht ganz schön viel Laub,

Blätterhaufen von Nahem

bis die Äste gut bedeckt sind.

„Hier können sich die Igel im Winter verstecken, und durch die Blätter haben sie es schön warm“, erkläre ich.
Der Zwerg nickt ehrfürchtig. „Können wir sie uns dann auch mal angucken?“
„Nein, die dürfen nicht gestört werden.“

Ich bin gespannt, ob die Rechnung aufgeht und unsere Igel-Höhle von den Tieren angenommen wird. Zum Abschluss kippe ich die restlichen Blätter auf die freie Beet-Fläche. Mal sehen, was der Winter aus dem Nährstoffangebot macht.

Blätterhaufen mit eingebautem Gerüst

Wir rechen noch die letzten Gartenecken frei und machen uns dann mitsamt den abgebauten Geräten auf den Heimweg.
„Tschüß, Igel-Höhle!“, ruft der Zwerg und winkt dem Blätterhaufen zu. Ich winke auch und freue mich auf meine warme Winter-Höhle in Form des heimischen Wohnzimmers.

 

Moralischer Mundraub am Pflaumenbaum

Moralischer Mundraub am Pflaumenbaum

Unsere Nachbarparzelle ist sei Monaten verwaist. Die Pächter haben keine Zeit mehr und schon letztes Jahr beschlossen, ihren Garten aufzugeben. Man munkelt, es gebe bereits Nachfolger, aber von denen haben wir noch nichts gesehen. Stattdessen vertrocknen nebenan die Blumen, wächst das Gras und schießt das Unkraut in die Höhe.

„Was ist das denn für ein toller Pflaumenbaum?“, fragt die neue Freundin eines Freundes, als sie das erste Mal in unserem Garten zu Besuch ist.
„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Achseln.
„Sind die schon reif?“
Ich zucke wieder mit den Achseln. Zwar haben uns die Nachbarn letztes Jahr angeboten, dass wir uns am Pflaumenbaum bedienen können. Aber aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, haben wir es nicht gemacht. Mir fehlen also die Vergleichswerte.
„Die sind noch ganz schön hell“, sage ich, um nicht völlig ahnungslos auszusehen.
„Man könnte ja mal testen“, schlägt die Freundin vor.
„Au ja, testen!“, ruft der Zwerg.
Wir gehen zum Zaun. Der Baum hängt voll mit Pflaumen, die meines Erachtens wirklich noch ein bisschen zu hell sind.

Äste, voll mit hellvioletten PflaumenDie Freundin pflückt eine Pflaume und probiert.
„Zuckersüß“, sagt sie, „die sind genau richtig.“
So viel zu meinen Pflaumen-Kenntnissen. Ich probiere auch eine und muss zugeben – die Dame hat recht. Köstlich!

Eigentlich haben wir ja die Erlaubnis, uns zu bedienen, überlege ich. Aber wenn es tatsächlich neue Nachbarn gibt, dann gilt das natürlich nicht mehr.
„Siehst du hier irgendwo Nachbarn?“, fragt mich der Mann, als ich meine Gedanken kundgetan habe.
Weder rechts noch links unserer Parzelle ist auch nur der Bauchansatz eines Gartenfreundes zu sehen.
„Und was wird aus diesen wunderbaren Früchten, wenn niemand sie pflückt?“, fragt er weiter.
Wahrscheinlich Fallobst, gebe ich zu.
Also dann. Retten wir die Pflaumen vor dem Verfall. Betreiben wir moralischen Mundraub.
Ich schnappe mir alle Eimer(chen), die ich finden kann, und schicke die Freundin samt Zwerg aufs Nachbargrundstück. Die beiden steigen über den Zaun, ich pflücke von unserer Seite aus.
Immer wieder schaue ich verstohlen auf den Weg, falls vielleicht doch plötzlich unsere alten oder neuen Nachbarn aufkreuzen. Aber es bleibt ruhig in der Kolonie. Und so pflücken wir so viele Pflaumen, wie in des Zwerges Kindereimerchen passen.

Drei Eimer randvoll mit PflaumenAls die voll sind, füllen wir noch eine Mülltüte. Dann reicht es erst mal. Am Abend schleppen wir unsere Beute nach Hause. In den nächsten Tagen wissen wir gar nicht, wohin damit. Zum Backen und Einmachen fehlen mir Zeit und Lust. Also beglücken wir unsere Nachbarn mit einer Schüssel Pflaumen und geben ein paar Tage später der Babysitterin, die nach ihrem Arbeitseinsatz am Zwerg noch zu einer Party gehen will, eine ordentliche Portion mit. Die sollen neben dem Alkohol mal ruhig auch etwas Gesundes konsumieren, die jungen Leute.

Am nächsten Wochenende sind alle Pflaumen weg und wir beschließen, noch mal Mundraub zu begehen. Wäre doch zu schade, wenn die wunderbaren Früchte hängenblieben und ein bitteres Ende als Fruchtmumien nähmen.
Aber als wir in der Kolonie ankommen, sehen wir Leute im Nachbargarten. Es sind unsere alten Nachbarn, die ihre Parzelle offensichtlich noch nicht losgeworden sind. Das ganze Jahr über haben sie sich nicht blicken lassen, doch jetzt stehen sie zusammen am Pflaumenbaum und pflücken.
Nun ja, wer kann es ihnen verdenken? Sie wissen halt, was gut ist.

 

 

Dschungel-Roden ist das neue Unkraut-Jäten – Teil 2

Es ist merkwürdig dunkel, als ich erwache. Ach ja, ich habe mich ja von innen in der Laube eingeschlossen. Voller Tatendrang will ich von der Schlafcouch springen, aber mein Bauch, mein Nacken und meine Waden machen mir einen Strich durch die Rechnung – alles ziept und zwickt. Langsam erhebe ich mich und schließe die Tür auf. Frische Luft und Vogelgezwitscher strömen mir entgegen. Es ist halb acht, die Kolonie schläft noch.
Nach einem Kaffee und einem Brötchen bewege ich meine steifen Glieder zum Unkrautfeld. Ich hätte mich dehnen sollen gestern, stattdessen habe ich stundenlang auf dem Boden gehockt, bin auf dem Spaten herumgesprungen und habe kiloschwere Erdbocken durch die Gegend gewuchtet. Mein Fuß, der gestern noch geschmerzt hat, hat sich über Nacht Gott sei Dank wieder beruhigt. Grund genug, da weiterzumachen, wo ich gestern Abend aufghört habe.

Ich breche dicke Pflanzenstängel aus knochenharter Erde und fummele auch mikroskopisch kleine Nachkömmlinge heraus. Ich kann es nicht verhehlen: ich gehöre der Jätfraktion „Pinzette“ an. Über solche wie mich machen sich andere lustig. Am liebsten würde ich jeden frischen und jeden abgestorbenen Wurzelstrang aus der Erde ziehen, aber das ist schlicht unmöglich. Innerhalb von nur ca. 2 Monaten haben die ungebetenen Pflanzen – aka Unkräuter – die 10 Kubikmeter Mutterboden vollständig durchzogen. Es ist mir auch ein Rätsel, wie solch feine Wurzeln es schaffen, diese verdichtete Erde (es gibt ja einen Grund, warum ich mich immer wieder mit meinem ganzen Gewicht auf den Spaten stelle – und mir beim Abspringen den Fuß verknackse) zu durchdringen. Wahrscheinlich genau deshalb, weil die Wurzeln so fein sind. So hänge ich meinen philosophischen Gedanken nach, während ich mich durch die Erde wühle.

Am Abend habe ich – gemeinsam mit dem Mann, der gegen Mittag im Garten angekommen ist – den halben Dschungel gerodet

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sowie die Brachfläche rund um die Koniferen im vorderen Garten von der Quecke befreit.

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Wir säen Gelbsenf aus und wässern kräftig. Muskelkatergeplagt schleppe ich mich nach Hause. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich lauter Unkraut. Ich hatte eindeutig eine Overdose und will jetzt erst mal nichts mehr vom Rest des Dschungels wissen. Aber selbst wenn ich wollte – ich könnte mich auch gar nicht darum kümmern. Ich habe einen solchen Muskelkater, dass ich beim Schuhezubinden in die Knie gehen muss und meine Hände beim Halten der Kaffeetasse zittern. Erst als ich mich wieder in etwa so jung fühle, wie ich wirklich bin, mache ich mir Gedanken über die Aufgabe, die im Garten noch auf mich wartet.

Zwei Wochen später knöpfe ich mir das letzte Unkraut-Drittel vor, dessen Pflanzen mittlerweile größer sind als der Zwerg.

Unkraut, letztes Drittel

Der Gelbsenf hat sich schon etabliert und ist ein gutes Stück gewachsen. Da ich jetzt weiß, wie der Hase läuft, komme ich zügig durch. Nach drei Stunden ist das Feld gerodet. Jetzt noch die nackte Erde so verschippen, dass die Fläche halbwegs eben ist, und auch hier Gelbsenf einsäen. Einen Teil der Erde lasse ich erst mal frei, falls wir sie kurzfristig an anderer Stelle im Garten brauchen.
Nachdem ich alles schön gegossen habe, betrachte ich mein Werk:

Fläche, halb bewachsen, halb frei

Zwar werde ich spätestens morgen wieder einen deftigen Muskelkater haben, aber das nehme ich gern in Kauf dafür, dass in unserem Garten – zumindest an dieser Stelle – endlich wieder Bundeskleingarten-konforme Zustände herrschen. Der Mini-Tarzan aus Teil 1 jedenfalls kann sich eine andere Betätigungsstätte suchen.

Dschungel-Roden ist das neue Unkraut-Jäten – Teil 1

Unkraut ist wie Werbung im Briefkasten, wie graue Haare und wie Weihnachtskram im September – es kommt zuverlässig und niemand bleibt verschont. So weit, so unvermeidlich. Was aber, wenn auf einer Brachfläche plötzlich ein Dschungel wächst, in dem sich ein Mini-Tarzan locker mit seiner Liane von Stängel zu Stängel schwingen könnte? Also ungefähr so:

Dichtes Unkraut, hoch gewachsen

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