Auf Regen folgt Goldregen

13.7.2014

Parzelle, oooho, Finaaaaale, ohohoho!!
Heute Abend spielen unsere Jungs um den Pokal, aber bis es so weit ist, haben wir noch ein paar Stündchen auf Parzelle.

Heute kommen wir erst spät an, weil wir zu Hause noch ganz schön rumgedaddelt haben. Zuerst wollte der Zwerg den ganzen Hotzenplotz mit unterschiedlichen Stimmen hören (nein, leider nicht auf CD, sondern abwechselnd im Mama- und Papa-Original), dann konnten wir uns nicht entscheiden, was wir einpacken.
Der Grund für diese Ratlosigkeit: Der Himmel ist grau, aber dann auch wieder nicht. Mein Radiosender sagt vereinzelte Schauer und sogar Gewitter an, das Internet in des Mannes Smartphone hingegen prophezeit strahlenden Sonnenschein. Ich mache mich völlig unabhängig von den Medien und packe irgendetwas ein. Wird schon passen.

Nach einer Schienen-Ersatzverkehr-Odyssee schieben wir unser Wägelchen, einen vollgepackten Fahrradanhänger, durchs Törchen, decken den Tisch auf dem Laubenvorplatz der Terrasse und essen erst mal zu Mittag. Der Zwerg macht bald rüber zu den Nachbarn, wo er mit Millie spielt und ein Würstchen abgreift.
Der Mann schreitet mit einem Zollstock über unsere Ländereien und misst aus. Wir müssen nämlich einen Bauantrag stellen. Für eine Sickergrube. Bzw. etwas, das unsere bisherige Sickergrube ersetzt. Ein Behälter soll eingebuddelt und dann regelmäßig ausgepumpt werden. Heißt das dann auch Sickergrube? Egal, erst mal müssen wir die amtierende Grube finden. Der Mann hat auch schon eine Idee: neben den Erdbeeren, die Stelle mit dem hohen Gras. Da wollen wir aber heute nicht ran. Vielleicht schaffen wir es ja nächstes Wochenende, da mal zu graben und zu schauen.

Auch ich lasse meinen Blick über die Parzelle schweifen. Was muss gemacht werden?
Falsche Frage, denn gemacht werden muss verdammt viel.
Richtige Frage: Was in meiner unmittelbaren Umgebung muss gemacht werden?
Die Antwort sprießt direkt neben meinen Füßen: ein undefinierbares Kraut zwischen den Bodenplatten. Das muss weg, meint der Mann, sonst hebt es die Platten irgendwann an.
So etwas will ja keiner, also hocke ich mich hin und pfriemele die Stängel aus den Ritzen. Doch kaum habe ich begriffen, wie ich die Teile mit ganzer Wurzel herausbringe, beginnt es zu regnen. Der Mann, zollstockschwingend, der Zwerg, über und über mit Buddelkistensand gepudert, und ich sammeln uns unter der Terrassenüberdachung.
Literweise strömt das Wasser in die Regentonne, die wir auch mal entleeren und säubern müssten. Momentan ist da, glaube ich, ein grünlicher Schleim drin. Ich schaue da nie so genau hin …

Nach einer halben Stunde hört es auf, der graue Himmel wird schlagartig blau, nur glitzernde Tropfen auf den Blättern und Blüten erinnern an die Wassermassen von vorhin.
Lilien nach Regenschauer
Der Regen hat genau zur richtigen Zeit aufgehört, denn schon kommt unser heutiger Besuch um die Ecke. Una, Rolf und ihre beiden Zwerge. Plus riesigem Käsekuchen, den Rolf am Vormittag extra noch gebacken hat.
Den Nachmittag verbringen wir Erwachsenen am Kaffeetisch, die Zwerge gießen Wasser ins Erdbeerbeet und matschen oder rennen rüber zu Millie. Die übrigens zwischendurch immer mal wieder rüberkommt und Kuchen abstaubt. So gleicht sich das Würstchen von heute Mittag wieder aus. 🙂

Natürlich bleibt unser Besuch nur so lange, bis noch ein ausreichender Vorlauf zum Beginn des Finalspiels gegeben ist. Als die vier aufbrechen, fängt es wieder an zu gießen – zu dumm, wo wir doch bei Claudi auf der Terrasse gucken wollen.
Ich ziehe alles, was ich eingepackt habe, übereinander an. Bloß eine Regenjacke ist nicht dabei. Im Schrank hängt noch eine überdimensionale Jacke in 80er-Jahre-Design, an einigen Stellen schon leicht defekt. Die hänge ich mir über den Kopf, nachdem ich dem Zwerg die komplette Regenausstattung angezogen habe, die ich schon vor Wochen in der Laube deponiert habe. Tja, hätten wir Eltern auch mal für uns vorgesorgt.

Claudi und Bert haben schon die WM-Terrasse vorbereitet. Gekühlte Getränke, Chips und mehrere Flaschen Weißwein stehen bereit. Die Markise schützt uns vor den Fluten von oben. Idealerweise schläft der Zwerg noch vor dem Einlauf der Mannschaften ein. Wir legen ihn in die Laube und beziehen unsere Plätze. Dick in Decken eingewickelt verfolgen wir das spannende Match. Ich kaue mir die Fingernägel ab, greife reflexartig in die Chipsschüssel und stöhne genervt auf, als es Verlängerung gibt. Wir müssen doch noch nach Hause!

Nach dem Goldregen in Brasilien wecke ich den Zwerg auf.
„Wir sind Weltmeister“, sage ich und hebe ihn aus dem Bett. Er lächelt verschlafen und freut sich. Vor dem Spiel war er noch für Argentinien, jetzt reißt er die Arme hoch.
„Wenn man für alle hält, kann man nur gewinnen“, kräht er. Weise Worte für einen Vierjährigen.

Wegen des Schienen-Ersatzverkehrs müssen wir mit dem Nachtbus nach Hause fahren. Der ist natürlich vollgestopft mit schwarz-rot-goldenen Fans. Der Zwerg sitzt in seinem Anhänger und sieht mit großen Augen zu, wie sie singen, grölen und tanzen. Im Bus. Er wundert sich über die Hupkonzerte auf den Straßen und über die Feuerwerkskörper („Mama, man darf doch nur hupen, wenn einem einer im Weg steht, und nur an Silvester Raketen in die Luft schießen!“). Am Schluss werden wir sogar noch von einem Mann angesprochen, der sich als Fußballtrainer des Vereins entpuppt, dessen Sportplatz direkt bei uns um die Ecke ist.
„Der Kleine scheint ja ein richtiger Fan zu sein. Er soll mal vorbeikommen, ich gebe Ihnen mal meine Karte.“

Man kann gar nicht früh genug anfangen, an der Karriere seiner Kinder zu stricken. Wer weiß, vielleicht ist der Zwerg ja ein zukünftiger Goldjunge. Bei der WM 2034.

Viertelfinale: Die Kleingartenkolonie bebt

Ich sitze in meinem Homeoffice und arbeite vor mich hin. Die Sonne scheint auf den Monitor, es ist kaum etwas zu erkennen. Irgendetwas läuft hier falsch. Ein Blick auf die Uhr: 15.30. In zweieinhalb Stunden spielt Deutschland gegen Frankreich.

Ich greife zum Handy und rufe den Mann an: „Wollten wir nicht Claudi fragen, ob sie das Spiel in ihrem Garten schaut?“
„Ach ja, stimmt, hatte ich ganz vergessen. Mach ich mal gerade.“
Zwei Minuten später: „Geht klar. Wir sollen was zu Grillen mitbringen. Besorge ich. Bis gleich.“
Ich schließe alle Dokumente, packe kurze Hose, T-Shirt und Sandalen für meinen Businessman ein sowie die infernalisch laute Fußball-Ratsche, die meine Eltern letztens dem Zwerg geschenkt haben. Fußball und RatscheDie ist soooo laut, dass wir eine Regel aufgestellt haben: Geratscht wird nur, wenn die favorisierte Mannschaft ein Tor schießt. In Ausnahmefällen erlauben wir kurzes Ratschen in euphorisierenden Momenten – aber nur auf doppelt ausgefüllten Antrag.

Ich radle zur Kita und sammle den Zwerg ein, der ob der Tatsache, dass wir jetzt in den Garten fahren, ein anderes Kind wird: Noch nie ist er so zügig (und vor allem so freiwillig) auf Toilette gegangen, hat sich Schuhe und Jacke angezogen und steht bereit, bevor ich „Zwerg, jetzt mach doch mal weiter“ sagen kann.
Wir fahren in der S-Bahn Richtung Kolonie, und wie es der Zufall so will, steigt der Mann ein paar Stationen später genau in unseren Waggon. Das Hallo ist groß. Noch eine Stunde bis zum Spiel.

Auf Parzelle schmeißen wir unsere Sachen ab, der Mann zieht sich um, und los geht es zwei Lauben weiter zu Claudi und Bert. Hier sitzen sie schon in großer Runde, Weißweinschorle und Bier kreisen, es gibt duftenden Blechkuchen mit Kirschen und karamellisierten Mandeln. Die zwanzig Jahre alte Markise ächzt im Wind, schützt uns aber vor der Sonne. Leider ist der Blick auf den Röhrenfernseher so verstrahlt wie auf meinen Monitor: Man sieht nicht wirklich viel. Aber egal. Ich merke mir, in welche Richtung Deutschland schießen muss und orientiere mich ansonsten an den Kommentaren des Moderators und der anderen. Einer in unserer Runde ist Halbfranzose und für Frankreich. Wenn wir jubeln, geht sein Fluchen unter, wenn wir vor Schreck wie gelähmt sind, hört man, wie er sich freut.

In der Halbzeitpause gehe ich eine Runde durch Claudis Garten. Sie hat ihn letztes Jahr genauso blauäugig übernommen wie wir unseren im Februar. Vor ein paar Wochen hatte sie Besuch von einer befreundeten Floristin, die ihr die Namen sämtlicher Pflanzen auf kleine Täfelchen geschrieben hat. Diese Täfelchen klemmen überall. Forsythie lese ich, Kirschlorbeer, Liebstöckel, Herbstaster usw. So etwas könnte ich auch gebrauchen. Noch immer rätsele ich über so manches Gewächs in unseren Beeten. Auf Anfrage erfahre ich, dass die Floristin 600 km weit weg wohnt. Zu dumm.

In der zweiten Halbzeit kann ich mich, wie üblich, nicht umgewöhnen und peile daher nicht, als Deutschland das 1:0 schießt. Gerade will ich mich ärgern, als die anderen jubeln. Der Zwerg greift zur Ratsche und pustet uns das Trommelfell weg. Die Kleingartenkolonie bebt: Aus den Nachbargärten wallt Jubel zu uns herüber, Raketen werden abgeschossen, Vogelschwärme schießen aus den Bäumen in den Himmel. Unser Frankreichfan ruft: „So ein Mist!“ Zumindest meine ich es ihm von den Lippen abzulesen.

Nach dem Spiel wird der Grill angeschmissen. Vegetarier, Veganer und Fleischfresser kauen einträchtig nebeneinander und analysieren das Match. Der Mann und ich setzen uns ab und gehen gießen. Leider sind Stellen des Rasens verbrannt. Wir müssen wirklich öfter zum Wässern kommen, merken wir.
Eine Stunde später hat unser Garten das, was ihm zusteht. Das Wasser tropft von den Blättern, die Erde ist nass und schwarz. Tief befriedigt gehen wir zurück zu Claudi und den anderen. Mit den Worten: „Ich habe einen ganz tollen Trick gelernt, aber das ist mein Geheimnis!“ rennt uns der Zwerg entgegen. Die anderen grinsen diabolisch. Ich will lieber nicht wissen, was sie ihm beigebracht haben. Spätestens wenn etwas kracht, zerbricht oder mit lautem Pfeifen auseinanderfliegt, wird es mir dämmern.

Beim Beginn des zweiten Spiels mache ich mich mit dem Zwerg auf den Heimweg, der Mann bleibt noch. Wir gehen den dunklen Weg von der Kolonie bis zur Hauptstraße. Man sieht nur einen Meter weit, es ist ein bisschen unheimlich (das nächste Mal nehmen wir eine Taschenlampe mit), aber gleichzeitig zirpen die Grillen. Immer wieder bleiben wir stehen, um zu lauschen. Wann hat man das schon mal in der großen Stadt, die ständig hell und laut ist? Die Antwort: Wenn man einen Schrebergarten hat. 🙂