Null vor bläcke Ärm

„Null vor bläcke Ärm“ * – das haben wir als Kinder immer gesagt, wenn jemand nach der Uhrzeit fragte und wir keine Armbanduhr anhatten. Jahrelang habe ich nicht mehr an diesen Spruch gedacht. Bis ich – beim überhaupt nicht panischen Aufbruch wegen des dann niemals stattgefunden habenden Unwetters – meine Uhr in der Laube vergessen habe.
Seitdem schaue ich Uhrzeit-Junkie alle 30 Sekunden auf meinen linken Unterarm. Und was sehe ich? Nichts als einen weißen Streifen zwischen brauner Haut. Also einen nackten Arm!Weißer Streifen auf Arm
Erst erschrecke ich mich. Aber dann denke ich an unsere Laube und den nächsten Gartenbesuch. So schaffe ich mir alle 30 Sekunden einen Freudenmoment. 🙂

* Das ist Kölsch bzw. Rheinisch und bedeutet so viel wie: Null Minuten vor nackten Armen.

Verschwörung der Wetterfrösche

Man muss Entscheidungen treffen im Leben. Zum Beispiel, welchem Wetterfrosch man glauben will. Das ist nicht so einfach bei den vielen Fröschen im Glas.
Bisher habe ich meinem regionalen Stammradiosender blind vertraut. Wenn dort Regen am Nachmittag angesagt wurde, dann regnete es auch nachmittags. Seit wir aber einen Garten haben, ist die Wettervorhersage zur Sphinx mutiert. Mein Radio sagt Unwetter voraus, die App des Mannes zeigt gelb wabernde Sonnenbälle, die Internetseite irgendetwas dazwischen. Und was den Zeitpunkt des jeweiligen Wetters angeht – nun ja, da fragt man sich, ob die Frösche schon die Uhr lesen können.
FroschWir fragen uns aktuell, ob wir am Wochenende in den Garten fahren sollen. Denn auf die eine oder andere Weise sagen alle Dienste Gewitter voraus. Die einen schon am Samstag Nachmittag, aber nur kurze Wärmegewitter, die anderen eine dauerhafte Regenfront, wieder andere prophezeien ein Unwetter, vielleicht so ab Sonntag 11 Uhr.
Da man Entscheidungen treffen muss im Leben, entscheiden wir uns, auf volles Risiko zu gehen – wir packen zusammen für eine Übernachtung in der Laube.
„Nach Hause fahren kann man ja jederzeit“, sind der Mann und ich uns einig.

Der Himmel über der Kleingartenkolonie strahlt, unsere Blumen leben noch und die Äpfel am vorderen Baum sehen schon ziemlich fertig aus.
Im Nachbargarten geht es hoch her. Es wird ein Geburtstag gefeiert. Der Zwerg wittert Kuchen und macht blitzschnell rüber zu Millie. Wunderbar, denn heute habe ich ein Buch dabei und der Mann hat die Zeit eingepackt. Wir kommen doch tatsächlich dazu, unterm Ampelsonnenschirm zu lesen. Entspannung pur!
Bis der Zwerg rübergeschickt wird, weil bei Nachbars der offizielle Teil losgeht. An Ruhe ist jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Dann also Gartenarbeit.

Mann und Zwerg hocken auf dem Boden und spielen Indianer, ich knipse die mittlerweile völlig vertrockneten Blütenstengel ab, die als traurige Mahnmale einer längst vergangenen Lilien-Pracht in die Luft ragen.
„Mama, ich brauche Holz für unser Indianerfeuer!“, ruft der Zwerg.
Flugs werden die Lilien-Mahnmale durchgeschnitten und auf Indianerart drapiert. Der Zwerg spießt ein Blatt auf ein Stöckchen und hält das Würstchen ins Feuer.Zwerg vor IndianerfeuerGegen späten Nachmittag verständigen der Mann und ich uns über die weitere Planung. Bleiben oder gehen? Ein Blick in den blauen Himmel und auf eine neue Wetter-App verheißt Gutes: Unwetter erst morgen Vormittag.
Wir bauen das Zelt auf, werfen den Grill an und braten echte Würstchen über echter Glut. Ich freue mich darauf, in den Abend zu gleiten und dem Sonnenuntergang bei einem Glas Wein zuzusehen, wenn der Zwerg schläft. Wie herrlich ist es, im Garten zu übernachten …

„Oh nein!“, ruft der Mann plötzlich und schaut von seinem Smartphone hoch. „Unwetterwarnung vom deutschen Wetterdienst!“
Er zählt auf, was uns alles droht: Sturmböen, unglaubliche Wassermengen in kürzester Zeit, Blitz-Donnerwetter und Hagelschlag. Der Zwerg reißt vor Angst die Augen auf und greift nach meiner Hand.
„Jetzt mal nicht panisch werden“, versucht der Mann zu beschwichtigen.
Völlig unpanisch räumen wir den Tisch ab, bauen das Zelt wieder ab, verstauen alles in der Laube. Ich erspare mir ob der dunklen Wolken am Himmel das Abspülen. Wird schon auch mal so gehen mit dem Geschirr.
Eine Stunde später machen wir uns auf den Weg. Der Himmel sieht so la la aus. Ein Wind weht, es tröpfelt. Hoffentlich erreichen wir trocken die S-Bahn.

Am Ende erreichen wir trocken unser Zuhause. Von wegen Blitz-Donnerwetter! Nix ist!
Und auch am nächsten Morgen: blauer Himmel, Sonne. Der Mann schaut in seine App:
„Die Unwetterwarnung besteht weiter. Soll heute noch was runterkommen.“
Nach einigem Hin und Her beschließen wir, nicht in den Garten zu fahren, aber trotzdem nicht vor dem Wetter zu kuschen. Wir gehen ins Sommerbad um die Ecke. Da können wir jederzeit aufbrechen, wenn sich am Himmel was zusammenballt.*

* Wir hatten den gesamten Tag bestes Wetter. Selbst die grauen Wolken um 17 Uhr waren nicht das, was sie laut Vorhersage hätten sein sollen. Bis heute lässt das große Unwetter auf sich warten. So langsam glaube ich an eine Verschwörung. Irgendetwas führen die Wetterfrösche im Schilde. Aber was nur?Frogs