DreierlEi

Ruckedigu, ruckedigu, ruckediguuuu, gurrt es von draußen.
Das verheißt nichts Gutes. Ich öffne die Balkontür und falle beinahe hinten um: Im großen Terrakottatopf zwischen den beiden Sonnenblumen hockt eine Taube und schaut mich frech an. Ich stoße einen Kampfschrei aus, der Vogel fliegt panisch an mir vorbei und trifft mich beinahe mit seinem Flügel am Kopf.
Als sich mein Blick zurück auf den Blumentopf senkt, sehe ich die Bescherung: Ein Ei, kreisförmig umlegt mit Zweigen. Meine Güte, wie viele Eier hat denn diese Taube zur Verfügung?
Mittlerweile abgehärtet von den vergangenen Einsätzen, hole ich eine Tüte, ziehe mir Gummihandschuhe an und entferne das „Nest“.
Dann bastle ich Vogelscheuchen aus CDs, die ich überall aufhänge. Bis zum Ende des Sommers wird unser Balkon nun so aussehen:

Balkono mit CDs

Oh n Ei n!

Man könnte meinen, wir hätten Erfahrung. Aber nein, tagelang reißen wir das Balkonfenster auf und zischen raus, um die Tauben zu verscheuchen, die immer wieder herangeflogen kommen. Der Mann thematisiert zwischen den Zeilen ein neues Nest, aber ich, ganz Fachfrau, wiegle ab:
„Jetzt ist die Eierlege-Saison vorbei. Die machen halt einfach mal Zwischenstation bei uns.“
Woher ich das weiß? Keine Ahnung. Und die bestätigt sich prompt, als ich mich, kurz nach Pfingsten, mit dem Zwerg endlich mal wieder auf den Balkon setzen will. Ich hole sein Kinderstühlchen aus der Ecke, und was sehe ich? Richtig – ein Ei.
Liebevoll haben die Tauben Zweige darum drapiert und ein eindimensionales Nest gebaut.
Ei auf Balkon
Na, klasse, diese Ecke hat es den Vögeln wirklich angetan. Sobald dort etwas steht, das die Tiere als Höhle gebrauchen können, geht der Nestbautrieb mit ihnen durch.
Ich jedoch, gestählt von der Aktion vor ein paar Wochen, fackele nicht lange und entferne das Nest. Es sollen einfach keine Tauben unseren Balkon zur Brutstätte machen. Basta!
(Mal sehen, ob die Tauben noch ein drittes Ei in petto haben. Wir werden jedenfalls nichts mehr in die Ecke stellen. Vielleicht hilft das ja.)

Ein Ei unter dem Mantel des Schweigens

Wir nehmen uns vor, direkt nach dem Frühstück in den Garten zu fahren, um endlich das Wasserthema zum Abschluss zu bringen. Doch kurzfristig kommt uns etwas dazwischen. Auftritt: Taubenpärchen.

Taubenpaar

Leider habe ich die Tauben nicht fotografiert. Diese hier sind Schauspieler 🙂

Einträchtig sitzen zwei Tauben auf dem Balkongeländer. Wir haben Wäsche draußen stehen, deshalb öffne ich die Tür und zische laut. Die beiden fliegen weg.
Zwei Minuten später sitzen sie wieder da. Ich öffne die Tür, zische und Abflug.
Drei Minuten später sitzt eine Taube auf dem Geländer, einen Zweig im Schnabel. Tür auf, zischen, Taube weg.
„Wollen die etwa ein Nest auf unserem Balkon bauen?“, fragt der Mann.
Ich öffne die Tür und bahne mir den Weg vorbei am Wäscheständer, den leeren Pflanzgefäßen und allerhand anderem Zeug, das seit Monaten auf dem Balkon überwintert. Und siehe da, unter dem Ecktisch, zwischen Blättern und einem alten T-Shirt, das der Mann zum Abputzen von etwas benutzt hat, liegt ein Ei. Ein kleines, weißes Ei.
Sofort fluten mütterliche Gefühle durch meine Brust. Die armen Tauben. Wollen zu ihrem Ei, mit einem Zweig im Schnabel, und ich jage sie immer wieder weg.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, frage ich hilflos.
Der Mann zückt sein Smartphone. „Ich googel das mal.“

Während der Mann in Vogelforen über identische Probleme liest, zische ich alle zwei Minuten aus dem Fenster. Mit immer schwererem Herzen …
Der Mann liest vor von Eierattrappen, die man ins Nest legen kann, davon, dass Tauben, wenn man das eine Ei entfernt, flugs ein zweites legen, dass sie, wenn sich der Brutplatz einmal als geeignet herausstellt, immer wieder kommen. Er liest vor, welche Krankheiten Taubenkot hervorrufen kann und dass es Menschen gibt, die allergisch gegen Tauben sind.
„Und wenn wir das Ei nach unten auf die Wiese legen?“, frage ich.
„Meinst du, die finden es da?“, wendet der Mann ein. „Wir können ihnen schließlich nicht sagen, dass wir ihr Ei umziehen.“
„Ist da jetzt ein Küken drin?“, fragt der Zwerg.
Ich nicke stumm.
„Ist das das Baby der Tauben?“
Ich kämpfe mit den Tränen.
„Es hilft nichts, wir müssen den ganzen Balkon abräumen, alles wegfegen und das Ei entfernen“, seufzt der Mann.
Ich schluchze laut auf.
Nachdem die Tränen getrocknet sind, schreiten wir zur Tat. Das Gerümpel wird weggeräumt, der Dreck, der sich auf dem Boden angesammelt hat, weggefegt und das Ei … Decken wir den Mantel des Schweigens darüber.
Schließlich hängen wir noch Schnüre mit CDs in verschiedenen Höhen auf, die der Wind hin und her wirbelt, sodass die Tauben abgeschreckt werden.

CD hängt am Faden über pinkfarbenen Petunien. Im Hintergrund BäumeAls der Zwerg am nächsten Tag im Kindergarten von den Tauben erzählt, fragt die Erzieherin: „Und was habt ihr mit dem Ei gemacht?“
Der Kleine antwortet cool: „Na, weggeschmissen.“
Die Erzieherin reißt entsetzt die Augen auf.
Ich hebe kleinlaut die Hände. „Ich kann das erklären. Ich kann das wirklich erklären!“