Ein harmloses Schild und zwei popelige Schlüssel

„Die Schlüssel haben wir nicht da, können wir aber bestellen. Dauert eine Woche.“
Der Mister M. hinter der Theke rückt seine Brille zurecht und dreht das Gartenschild in den Händen. „Metallschilder in der Größe führen wir leider nicht. Nur aus Kunststoff. Aber auch nicht in der Größe. Muss ich bestellen. Dauert mindestens eine Woche.“
Das kann doch nicht wahr sein! Ich will doch nur ein harmloses Schild und zwei popelige Schlüssel nachmachen lassen.
„Na gut, dann versuche ich es erst mal anderswo.“

Ich überlege, wo ich jetzt noch hingehen kann. O.b.i fällt mir ein. Ich radle hin und lege mal wieder meine Schlüssel auf den Tresen. (Schilder gravieren sie übrigens nicht, sagt die zuständige Fachkraft.)
Nach endlosem Gesuche und Gefummel gibt mir die Frau das mögliche Gegenstück für die Toilettentür.
„Versuchen Sie es mal. Der Bart ist zwar kürzer, aber es könnte passen. Wenn nicht, bringen Sie ihn einfach wieder zurück.“
Das Gegenstück für den Schuppen habe sie nicht da, könne sie aber bestellen. Es dauere – na, wie lange wohl? Genau: eine Woche.

Ich empfehle mich und beschließe, auf den Schuppenschlüssel zu verzichten (das Ding wird bald sowieso abgerissen) und es mit dem Schild online zu probieren. Langsam muss da was passieren, sonst macht uns noch jemand vom Vorstand darauf aufmerksam, dass unsere Parzelle nicht zuordenbar ist. Und das wäre eine echte Kleingartenkatastrophe. :-/

Schlüsselerlebnis unterm röhrenden Hirschen

„Wo ist denn der Toilettenschlüssel?“, fragt der Mann eines Gartentages.
Unser kleines Badezimmer ist ja zwar in der Laube, aber nur durch eine extra Tür von außen erreichbar.
„Keine Ahnung“, sage ich.
Im selben Moment fällt mir ein, dass ich den Zwerg unlängst damit habe herumfummeln sehen. Er fährt momentan voll auf Schlüssel ab. Immer wieder greift er meinen Bund und fragt ab, welcher Schlüssel für welches Schloss ist.
„Zwerg!“, rufe ich übers Gelände. „Wo ist denn der Toilettenschlüssel?“
Der Zwerg kommt angelaufen und zuckt mit den Schultern.
„Aber du hast doch eben noch damit gespielt.“
„Ja, schon“, sagt er mit dem Tonfall eines Managers, der 100.000 mal mehr Geld auf dem Gehaltskonto hat als Kompetenz im Arbeitsbereich seines Hirns, „aber jetzt habe ich leider vergessen, wo ich ihn hingetan habe.“

Nun denn, noch besitzen wir drei Parzellen-Schlüsselbunde, Schlüsselbundaber wenn das so weitergeht, müssen wir bald die Buschtoilette benutzen. Deshalb beschließen der Mann und ich, dass wir ein paar Schlüssel nachmachen lassen. WC und zur Sicherheit noch einmal Schuppen. Und weil es so schön ist, montieren wir auch das Schild vom Gartentörchen ab, auf dem noch steht: P. Wuttke, Parz. 999.
Denn letztens hat uns der Vereinsvorstand darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns endlich mit unserem Namen zu erkennen geben müssen.

Am nächsten Tag gehe ich mit dem Schild und den beiden Schlüsseln zum kombinierten Änderungsschneider-Reinigungsservice-Schuster-Schlüsselmacher bei uns um die Ecke. Er hat ein düsteres Ölbild vom röhrenden Hirschen an der Wand hängen und vergilbte Plastikbumen in einem füllhornähnlichen Korb auf der Theke stehen. Das Schild schiebt er gleich wieder zu mir zurück.
„Mache ich nicht, so etwas.“
Die Schlüssel findet er auch nicht in seinem Bestand. Er kramt ein Ding mit vielen Metallstäben hervor und schiebt sie so lange um die beiden Bärte, bis eine Form entsteht, in der er ausprobieren kann, ob nicht doch noch einer passt. Aber Fehlanzeige. Da muss ich wohl zu Mr. Mi*t fahren. Morgen.

Der Schlüssel zum Glück?

3.2.2014

Wer sind all diese Menschen? Und was tun sie in unserem Garten?
Zu dritt stapfen wir durch den tauenden Schnee in Richtung Laube. Drei Männer und drei Frauen schauen uns entgegen. Als wir näher kommen, erkennen wir Herrn Wuttke, den Vorpächter, nebst Gattin, die Vermietungsfrau und den Vorsitzenden sowie ein Paar, das sich später als die Kassenwartin und ihr Ehemann herausstellt. Sie alle sekundieren uns beim Kauf unseres ersten Eigenheims.

Dem Mann ist ganz feierlich zumute, als er, auf einem Campingstuhl in der Laube sitzend, den Vertrag unterschreibt. Der Zwerg bekommt ein Bonbon von der Kassenwartin, ich unterhalte mich leise mit Frau Wuttke. Die erzählt, wie herrlich es im Sommer im Garten ist. Kann ich mir angesichts der Atemwölkchen, die aus unseren Mündern kommen, gerade so gar nicht vorstellen.
Als der Vertrag unterschrieben ist, bekommt der Mann erst einmal eine Rechnung in die Hand gedrückt. Wir zahlen jetzt drei Mitgliedsbeiträge gleichzeitig (Landesverband, Bezirksverband, unsere Kolonie). Und ein Posten gefällt mir ganz besonders: Vereinsvergnügen unserer Kolonie, Umlage.
„Ich maile Ihnen noch unseren Veranstaltungskalender“, sagt die Vermietungsfrau. Los geht es wohl mit dem Tanz in den Mai. Aber da sind der Zwerg und ich verreist, also muss der Mann allein dem Vereinsvergnügen frönen. Im Eintrittsprotokoll steht schließlich, dass wir verpflichtet sind, aktiv an der Förderung der Gemeinschaft mitzuwirken. Na ja, er hat ja Claudi, seine Freundin, die uns auf die Idee mit dem Garten gebracht hat. Und deren Parzelle nur einen Katzensprung von unserer entfernt ist.
Übrigens müssen wir laut Protokoll auch die Zeitschrift des Landesverbandes abonnieren. Die werde ich dann entspannt unterm Ampelsonnenschirm lesen …

Es ist ein feierlicher Moment, als der Mann mit unserem Schlüssel das erste mal unser Gartentörchen abschließt. Das Törchen. Unseres Gartens. Wir haben jetzt einen Garten mit eigenem Häuschen. Und der Zwerg eine Kinderschubkarre. Alles wird gut. 🙂