Premiere: Übernachten in der Laube (Teil 1)

Unser Schrebergarten-Fahrradanhänger ächzt unter der Last, die in seinem Inneren steckt. Vollgestopft mit Wäsche, Handtüchern, Essbarem, Schlafsäcken, Spielzeug rumpelt er aus der S-Bahn und über den Fußweg bis zum Garten. Denn – tadaaaa: Wir werden dieses Wochenende das erste Mal in der Laube übernachten!
Die steht zwar immer noch voller Gerümpel, sodass man die Schlafcouch, die Claudi uns überlassen hat, nicht ausziehen kann. Aber der Mann weiß Rat: Er und der Zwerg schlafen im Zelt. Das haben wir vor Monaten extra für den Garten angeschafft.

Nachdem die Fensterverschläge entfernt, das Wasser angestellt und der Boiler eingeschaltet ist, der Ampelsonnenschirm angebracht wurde, sämtliche Tische, Stühle, Liegestühle aus der Laube geschafft und an ihren Platz gewuchtet sowie die Einkäufe im Kühlschrank verstaut wurden und eine Riesenkanne Apfelschorle angesetzt ist – kann der gemütliche Teil losgehen. Erst mal etwas kochen. Nudeln mit Soße sind geplant.

Leider funktioniert der Gaszulauf zum Gasherd ja nicht. Aber steht nicht hinten im Wundertüten-Schuppen eine Kochplatte? Ich krame im Regal und ziehe eine alte Emaille-ummantelte Einzelplatte nebst Kabel hervor. Generationen von Staubpartikeln haben sich darauf festgesetzt. Flugs abgewischt, auf die Herdabdeckung gestellt und angeschmissen. Es dauert ewig, bis das Wasser sich erhitzt. Nicht so die Kochplattenummantelung. Die ist nach kürzester Zeit so heiß, dass die Luft vibriert. Kann also auch nur eine Notlösung sein, diese Platte.

Schon bald ist es draußen heißer als in der Laubenküche. Nach dem Mittagessen lasse ich wieder einmal meine Blicke schweifen: Die Rosenstöcke sind voller Verblühten*, der Brennesselbusch vor dem Wasserschacht ist mittlerweile riesig. Der niemals abgeerntete Rhabarber hat schlappe, durchlöcherte Blätter und Stängel, die so hart sind wie Holz. Auch die diversen Hecken sind mittlerweile so hoch geschossen, dass es schon peinlich ist. Es gibt also genug zu tun. Aber an Gartenarbeit ist nicht zu denken. Vieeeel zu heiß!
*verblühte Blüten

Ich ziehe meinen Badeanzug an und steige zum Zwerg ins Planschbecken. Hier lässt es sich aushalten und mit den Wasserspritz-Dingern, die der Mann gestern noch im Ein-Euro-Laden besorgt hat, ein Wettspritzen veranstalten. Wer schafft es, den Nachbarapfelbaum zu treffen? Ich hätte nie gedacht, dass Wasserspritz-Dinger so viel Spaß machen. Meinen persönlichen Triumph feiere ich, als ich das Nachbarlaubendach treffe. Wenn die wüssten, was wir in ihrer Abwesenheit so treiben. 😉

„Wir müssen das Zelt aufbauen“, unterbricht der Mann meine Wettkampfambitionen.
„Och Möönsch“, nörgeln der Zwerg und ich unisono.
Aber der Mann bleibt unerbittlich und bald schon verheddern wir uns in Schnüren, Teleskopstäben und Innenzelt-Schichten.
Der Zwerg tanzt um uns herum wie Rumpelstilzchen ums Feuer. Er hat noch nie ein Zelt von Nahem gesehen und erstarrt vor Ehrfurcht, als es schließlich in all seiner Pracht auf der Wiese steht.
ZeltLange hält diese Starre allerdings nicht an. Er schlüpft hinein und macht sämtliche Reißverschlüsse auf und zu. Auf und zu. Auf und zu …
Die nächste Stunde hören und sehen wir nichts von ihm. Das Zelt hat ihn völlig in seinen Bann geschlagen. Mit schweißverklebten Haaren hockt er darin und macht die Reißverschlüsse – Ihr wisst schon.Vier BeineZum Ausklange eines heißen Tages kommen Claudi, Bert und ihr Gartenkumpan Martin zum Grillen vorbei. Die Aussicht, dass wir nicht zu später Stunde alles dichtmachen, zusammenpacken und dann noch nach Hause gurken müssen, entspannt mich durch und durch.
Irgendwann schnarcht der Zwerg im Zelt, wir Erwachsenen sprühen uns mit Anti-Mücken-Mittel ein und hören den Fröschen in Nachbars Teich beim Quaken zu. Als wir müde werden, gehen Claudi und Bert in ihren Garten, der Mann krabbelt ins Zelt und ich lege mich in die Laube. Die Pappeln rauschen im Wind, die S-Bahn rauscht auf den Gleisen und ich schlafe ein.

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Rien ne va plus im Garten de luxe

Unser dritter Tag in Folge im Garten. Als wir durchs Törchen schreiten, ist es, als wären wir nie weg gewesen. Ich gehe in die Küche und bereite auf der rudimentären Arbeitsplatte einen Salat zu. Der Mann bastelt wieder ein Sonnensegel neben den Ampelschirm und der Zwerg darf den Gartenschlauch ins Planschbecken halten. Gender-Idyll pur.

Nach einer Weile trifft unser Freund Mario mit seinen beiden Söhnen (4 Jahre, 6 Monate) ein. Mario und seine Frau haben selbst einen Garten. Ein gepachtetes Grundstück neben einem Reitstall, ohne fließend Wasser, ohne Strom und ohne Toilette. Als wir einmal zu Besuch dort waren, konnte ich immerhin die Stalltoilette benutzen, die nur fünf Minuten weit weg ist. Für Mario ist unsere Parzelle eine Art Garten de luxe.
Mario bringt etwas aus seinem Garten zum Einstand mit: ein Gläschen mit schwarzen Bohnen zum Einpflanzen. Wir bedanken uns artig, geben aber zu, dass wir nicht vorhaben, dieses Jahr irgend etwas Essbares anzupflanzen. Ich erwähne den Rhabarber, den wir ja leider nicht ernten konnten, weil er direkt in unserem kontaminierten Boden wurzelt.
„Wenn ihr den Rhabarber nicht braucht, dann nehme ich ihn gern“, sagt Mario.
Kurz besprechen wir die Frage, ob ein jahrelang in kontaminiertem Boden gewurzelt habender Rhabarber in anderer Erde unbedenklich ist oder ob er für immer ungenießbar bleibt. Mario sieht das gelassen. Wir verabreden, dass er ihn demnächst mal ausgraben kommt. Frei nach dem Motto: „Rhabarber in gute Erde abzugeben.“

Mittlerweile haben sich beiden Zwerge schon nackig gemacht und springen durchs Wasser oder rennen unter die Gartendusche auf der vorderen Wiese. Der Minizwerg liegt auf einer Decke im Schatten und spielt mit seinen Füßen. Die Männer liegen daneben und sprechen über Fußballspielen. Ich lege die Beine hoch und mache – nichts. Der Gedanke an das Unkraut, das aus allen Ritzen und Fugen sprießt, verdunstet unwiederbringlich in der Hitze.
Füße am Planschbecken
So vergeht der Tag. Wir essen Salat, wir trinken Apfelschorle, wir trinken Kaffee und essen Kekse. Schmetterlinge tanzen in der Luft, Bienchen schlüpfen in Blüten und strecken uns ihre pummeligen Popos entgegen. Noch Fragen?

Am Ende dieses wunderbaren Tages erhalte ich die Antwort auf eine bisher offen gebliebene Frage. Ich stehe vor unserer Hecke und halte den Gartenschlauch darauf. Völlig versunken betrachte ich den Wasserstrahl, lenke ihn mal hier- und mal dorthin, sehe die trockene Erde sich vollsaugen und – das Wasser versiegen. Ich schüttele den Schlauch, schaue hinein, aber: Rien ne va plus. Doch was höre ich da hinter mir? Etwa ein leises Kichern? Ein lautes Lachen? Ich drehe mich um.
„Ätschibätsch, ausgetrickst!“, ruft der Zwerg.
Er hockt auf dem Rasen und knickt den Schlauch so, dass kein Wasser mehr durchkommt. Dann lässt er los und die Fontäne schießt mir um die Beine. Der kleine Satansbraten kringelt sich vor lachen. Jetzt wird mir klar: Das ist der Trick, den der Zwerg beim Viertelfinale von Claudi und Konsorten gelernt hat. Na wartet, euch werd’ ich was erzählen!!!