Verschwörung der Wetterfrösche

Man muss Entscheidungen treffen im Leben. Zum Beispiel, welchem Wetterfrosch man glauben will. Das ist nicht so einfach bei den vielen Fröschen im Glas.
Bisher habe ich meinem regionalen Stammradiosender blind vertraut. Wenn dort Regen am Nachmittag angesagt wurde, dann regnete es auch nachmittags. Seit wir aber einen Garten haben, ist die Wettervorhersage zur Sphinx mutiert. Mein Radio sagt Unwetter voraus, die App des Mannes zeigt gelb wabernde Sonnenbälle, die Internetseite irgendetwas dazwischen. Und was den Zeitpunkt des jeweiligen Wetters angeht – nun ja, da fragt man sich, ob die Frösche schon die Uhr lesen können.
FroschWir fragen uns aktuell, ob wir am Wochenende in den Garten fahren sollen. Denn auf die eine oder andere Weise sagen alle Dienste Gewitter voraus. Die einen schon am Samstag Nachmittag, aber nur kurze Wärmegewitter, die anderen eine dauerhafte Regenfront, wieder andere prophezeien ein Unwetter, vielleicht so ab Sonntag 11 Uhr.
Da man Entscheidungen treffen muss im Leben, entscheiden wir uns, auf volles Risiko zu gehen – wir packen zusammen für eine Übernachtung in der Laube.
„Nach Hause fahren kann man ja jederzeit“, sind der Mann und ich uns einig.

Der Himmel über der Kleingartenkolonie strahlt, unsere Blumen leben noch und die Äpfel am vorderen Baum sehen schon ziemlich fertig aus.
Im Nachbargarten geht es hoch her. Es wird ein Geburtstag gefeiert. Der Zwerg wittert Kuchen und macht blitzschnell rüber zu Millie. Wunderbar, denn heute habe ich ein Buch dabei und der Mann hat die Zeit eingepackt. Wir kommen doch tatsächlich dazu, unterm Ampelsonnenschirm zu lesen. Entspannung pur!
Bis der Zwerg rübergeschickt wird, weil bei Nachbars der offizielle Teil losgeht. An Ruhe ist jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Dann also Gartenarbeit.

Mann und Zwerg hocken auf dem Boden und spielen Indianer, ich knipse die mittlerweile völlig vertrockneten Blütenstengel ab, die als traurige Mahnmale einer längst vergangenen Lilien-Pracht in die Luft ragen.
„Mama, ich brauche Holz für unser Indianerfeuer!“, ruft der Zwerg.
Flugs werden die Lilien-Mahnmale durchgeschnitten und auf Indianerart drapiert. Der Zwerg spießt ein Blatt auf ein Stöckchen und hält das Würstchen ins Feuer.Zwerg vor IndianerfeuerGegen späten Nachmittag verständigen der Mann und ich uns über die weitere Planung. Bleiben oder gehen? Ein Blick in den blauen Himmel und auf eine neue Wetter-App verheißt Gutes: Unwetter erst morgen Vormittag.
Wir bauen das Zelt auf, werfen den Grill an und braten echte Würstchen über echter Glut. Ich freue mich darauf, in den Abend zu gleiten und dem Sonnenuntergang bei einem Glas Wein zuzusehen, wenn der Zwerg schläft. Wie herrlich ist es, im Garten zu übernachten …

„Oh nein!“, ruft der Mann plötzlich und schaut von seinem Smartphone hoch. „Unwetterwarnung vom deutschen Wetterdienst!“
Er zählt auf, was uns alles droht: Sturmböen, unglaubliche Wassermengen in kürzester Zeit, Blitz-Donnerwetter und Hagelschlag. Der Zwerg reißt vor Angst die Augen auf und greift nach meiner Hand.
„Jetzt mal nicht panisch werden“, versucht der Mann zu beschwichtigen.
Völlig unpanisch räumen wir den Tisch ab, bauen das Zelt wieder ab, verstauen alles in der Laube. Ich erspare mir ob der dunklen Wolken am Himmel das Abspülen. Wird schon auch mal so gehen mit dem Geschirr.
Eine Stunde später machen wir uns auf den Weg. Der Himmel sieht so la la aus. Ein Wind weht, es tröpfelt. Hoffentlich erreichen wir trocken die S-Bahn.

Am Ende erreichen wir trocken unser Zuhause. Von wegen Blitz-Donnerwetter! Nix ist!
Und auch am nächsten Morgen: blauer Himmel, Sonne. Der Mann schaut in seine App:
„Die Unwetterwarnung besteht weiter. Soll heute noch was runterkommen.“
Nach einigem Hin und Her beschließen wir, nicht in den Garten zu fahren, aber trotzdem nicht vor dem Wetter zu kuschen. Wir gehen ins Sommerbad um die Ecke. Da können wir jederzeit aufbrechen, wenn sich am Himmel was zusammenballt.*

* Wir hatten den gesamten Tag bestes Wetter. Selbst die grauen Wolken um 17 Uhr waren nicht das, was sie laut Vorhersage hätten sein sollen. Bis heute lässt das große Unwetter auf sich warten. So langsam glaube ich an eine Verschwörung. Irgendetwas führen die Wetterfrösche im Schilde. Aber was nur?Frogs

Auf Regen folgt Goldregen

13.7.2014

Parzelle, oooho, Finaaaaale, ohohoho!!
Heute Abend spielen unsere Jungs um den Pokal, aber bis es so weit ist, haben wir noch ein paar Stündchen auf Parzelle.

Heute kommen wir erst spät an, weil wir zu Hause noch ganz schön rumgedaddelt haben. Zuerst wollte der Zwerg den ganzen Hotzenplotz mit unterschiedlichen Stimmen hören (nein, leider nicht auf CD, sondern abwechselnd im Mama- und Papa-Original), dann konnten wir uns nicht entscheiden, was wir einpacken.
Der Grund für diese Ratlosigkeit: Der Himmel ist grau, aber dann auch wieder nicht. Mein Radiosender sagt vereinzelte Schauer und sogar Gewitter an, das Internet in des Mannes Smartphone hingegen prophezeit strahlenden Sonnenschein. Ich mache mich völlig unabhängig von den Medien und packe irgendetwas ein. Wird schon passen.

Nach einer Schienen-Ersatzverkehr-Odyssee schieben wir unser Wägelchen, einen vollgepackten Fahrradanhänger, durchs Törchen, decken den Tisch auf dem Laubenvorplatz der Terrasse und essen erst mal zu Mittag. Der Zwerg macht bald rüber zu den Nachbarn, wo er mit Millie spielt und ein Würstchen abgreift.
Der Mann schreitet mit einem Zollstock über unsere Ländereien und misst aus. Wir müssen nämlich einen Bauantrag stellen. Für eine Sickergrube. Bzw. etwas, das unsere bisherige Sickergrube ersetzt. Ein Behälter soll eingebuddelt und dann regelmäßig ausgepumpt werden. Heißt das dann auch Sickergrube? Egal, erst mal müssen wir die amtierende Grube finden. Der Mann hat auch schon eine Idee: neben den Erdbeeren, die Stelle mit dem hohen Gras. Da wollen wir aber heute nicht ran. Vielleicht schaffen wir es ja nächstes Wochenende, da mal zu graben und zu schauen.

Auch ich lasse meinen Blick über die Parzelle schweifen. Was muss gemacht werden?
Falsche Frage, denn gemacht werden muss verdammt viel.
Richtige Frage: Was in meiner unmittelbaren Umgebung muss gemacht werden?
Die Antwort sprießt direkt neben meinen Füßen: ein undefinierbares Kraut zwischen den Bodenplatten. Das muss weg, meint der Mann, sonst hebt es die Platten irgendwann an.
So etwas will ja keiner, also hocke ich mich hin und pfriemele die Stängel aus den Ritzen. Doch kaum habe ich begriffen, wie ich die Teile mit ganzer Wurzel herausbringe, beginnt es zu regnen. Der Mann, zollstockschwingend, der Zwerg, über und über mit Buddelkistensand gepudert, und ich sammeln uns unter der Terrassenüberdachung.
Literweise strömt das Wasser in die Regentonne, die wir auch mal entleeren und säubern müssten. Momentan ist da, glaube ich, ein grünlicher Schleim drin. Ich schaue da nie so genau hin …

Nach einer halben Stunde hört es auf, der graue Himmel wird schlagartig blau, nur glitzernde Tropfen auf den Blättern und Blüten erinnern an die Wassermassen von vorhin.
Lilien nach Regenschauer
Der Regen hat genau zur richtigen Zeit aufgehört, denn schon kommt unser heutiger Besuch um die Ecke. Una, Rolf und ihre beiden Zwerge. Plus riesigem Käsekuchen, den Rolf am Vormittag extra noch gebacken hat.
Den Nachmittag verbringen wir Erwachsenen am Kaffeetisch, die Zwerge gießen Wasser ins Erdbeerbeet und matschen oder rennen rüber zu Millie. Die übrigens zwischendurch immer mal wieder rüberkommt und Kuchen abstaubt. So gleicht sich das Würstchen von heute Mittag wieder aus. 🙂

Natürlich bleibt unser Besuch nur so lange, bis noch ein ausreichender Vorlauf zum Beginn des Finalspiels gegeben ist. Als die vier aufbrechen, fängt es wieder an zu gießen – zu dumm, wo wir doch bei Claudi auf der Terrasse gucken wollen.
Ich ziehe alles, was ich eingepackt habe, übereinander an. Bloß eine Regenjacke ist nicht dabei. Im Schrank hängt noch eine überdimensionale Jacke in 80er-Jahre-Design, an einigen Stellen schon leicht defekt. Die hänge ich mir über den Kopf, nachdem ich dem Zwerg die komplette Regenausstattung angezogen habe, die ich schon vor Wochen in der Laube deponiert habe. Tja, hätten wir Eltern auch mal für uns vorgesorgt.

Claudi und Bert haben schon die WM-Terrasse vorbereitet. Gekühlte Getränke, Chips und mehrere Flaschen Weißwein stehen bereit. Die Markise schützt uns vor den Fluten von oben. Idealerweise schläft der Zwerg noch vor dem Einlauf der Mannschaften ein. Wir legen ihn in die Laube und beziehen unsere Plätze. Dick in Decken eingewickelt verfolgen wir das spannende Match. Ich kaue mir die Fingernägel ab, greife reflexartig in die Chipsschüssel und stöhne genervt auf, als es Verlängerung gibt. Wir müssen doch noch nach Hause!

Nach dem Goldregen in Brasilien wecke ich den Zwerg auf.
„Wir sind Weltmeister“, sage ich und hebe ihn aus dem Bett. Er lächelt verschlafen und freut sich. Vor dem Spiel war er noch für Argentinien, jetzt reißt er die Arme hoch.
„Wenn man für alle hält, kann man nur gewinnen“, kräht er. Weise Worte für einen Vierjährigen.

Wegen des Schienen-Ersatzverkehrs müssen wir mit dem Nachtbus nach Hause fahren. Der ist natürlich vollgestopft mit schwarz-rot-goldenen Fans. Der Zwerg sitzt in seinem Anhänger und sieht mit großen Augen zu, wie sie singen, grölen und tanzen. Im Bus. Er wundert sich über die Hupkonzerte auf den Straßen und über die Feuerwerkskörper („Mama, man darf doch nur hupen, wenn einem einer im Weg steht, und nur an Silvester Raketen in die Luft schießen!“). Am Schluss werden wir sogar noch von einem Mann angesprochen, der sich als Fußballtrainer des Vereins entpuppt, dessen Sportplatz direkt bei uns um die Ecke ist.
„Der Kleine scheint ja ein richtiger Fan zu sein. Er soll mal vorbeikommen, ich gebe Ihnen mal meine Karte.“

Man kann gar nicht früh genug anfangen, an der Karriere seiner Kinder zu stricken. Wer weiß, vielleicht ist der Zwerg ja ein zukünftiger Goldjunge. Bei der WM 2034.