Unkraut Jäten schwer gemacht

Als ich wach werde, sitzen Mann und Zwerg schon am Frühstückstisch. Vom Regen, der für vormittags angesagt war, ist nichts zu sehen. Stattdessen strahlender Sonnenschein. Die Prunkwinde begrüßt mich mit offenen Blüten, diesmal denke ich sogar daran, sie zu fotografieren:

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„Und, wie sieht der Plan für heute aus?“, fragt mich der Mann.
Plan? Heute? Existiert nicht!
Ach, Moment, ich wollte doch endlich das vordere Beet auf Vordermann bringen. Das, wo Unkraut, Erdbeeren und mir unbekannte Pflanzen eine friedliche Koexistenz eingegangen sind.

Ausgerüstet mit Handschuhen, Schaufel und Sonnenhut begebe ich mich ins Beet. Das meiste bekomme ich ganz gut raus, wenn ich nur tief genug grabe. Dabei versuche ich, nicht tiefer als 30 cm zu gehen. Aus Gründen. So arbeite ich mich im Schneckentempo vor.

Schreberin beim Unkrautjäten
Nur diese langen, schmalen Gewächse mit dicken Stängeln und vergleichsweise kleinen Blättern bekomme ich so nicht heraus, denn sie wurzeln ziemlich tief. Ich stelle mich hin und ziehe mit aller Gewalt daran, aber sie bewegen sich keinen Millimeter.
„Maaann!“, rufe ich. „Ich bekomme diese Dinger nicht raus!“
Der Mann kommt, lächelt mich mitleidig an und zieht mit einer Hand an einer Pflanze – nichts tut sich. Dann nimmt er beide Hände und zieht – wieder nichts. Dann bewegt er die Pflanze kreisförmig hin und her, er rührt sozusagen mit ihr in der Erde. Das Nichts zeigt uns seine grinsende Fratze.
Ich halte meine Gesichtsmuskulatur unter Kontrolle. Es reicht, wenn das Nichts grinst.

Unsere Nachbarn von zwei Gärten weiter kommen vorbei. Der Mann nutzt die Gelegenheit und sprintet zum Zaun, um ein Schwätzchen zu halten. Die beiden langen, schmalen Gewächse mit dicken Stängeln und vergleichsweise kleinen Blättern ragen weiterhin kerzengerade aus den Erdbeerpflanzen heraus, als hätte niemand je mit ihnen die Erde umgerührt.
Auch ich entscheide mich für ein Schwätzchen mit den Nachbarn. Immerhin habe ich schon 1 qm Beet ent-unkrautet und somit freigelegt. Da kann man ja auch mal eine Pause machen.

Nach dem Schwätzchen habe ich Hunger. Also wird erst mal gekocht. Nach dem Essen sitzen wir ziemlich müde auf dem Laubenvorplatz der Terrasse herum. Unkraut jäten? Och nöö.
Ein schriller Schrei weckt mich aus meiner Lethargie.
„Maaaaamaaaa! Auuuuuaaaa!“
Der Zwerg greift sich an den Po, eine Wespe fliegt weg. Ich sprinte in die Laube, hole ein Icepack aus dem Gefrierfach und presse es dem jämmerlich weinenden Zwerg gegen die Pobacke.
„Was ist los?“, wimmert der Zwerg. Woher soll er auch wissen, dass er gerade von einer Wespe gestochen wurde? Er hat sie ja nicht mal gesehen.

Wespe1
Ich nehme ihn bäuchlings auf den Schoß und halte das Kühlpäckchen fest. Der Zwerg ist fix und fertig vom ersten Wespenstich seines Lebens. Das geht so weit, dass er sich ins Zelt legt und einschläft. Unser Zwerg! Der seit zwei Jahren von morgens halb sieben bis abends halb neun durchrockt ohne Pause.
Das müssen wir nutzen. Und zwar nicht, indem wir Unkraut jäten.

Etwas später sitzen wir mit zwei feinen Eiskaffee auf der Terrasse und lesen. Zwei herrliche Stunden lang. Die Wespe muss ein Anästhetikum geladen haben. Das nennt man Glück im Unglück. 😉

Premiere: Übernachten in der Laube (Teil 2)

Kühle Morgenluft weht durch die geöffnete Laubentür. Es ist sieben Uhr. Die Vögel zwitschern. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und trete nach draußen.
Sagte ich schon, dass die Luft kühl ist? Ich atme tief ein und laufe barfuß über die taunasse Wiese. Die Rankepflanze hinterm Haus, die tagsüber in der Hitze ihre Blätter hängenlässt und deren Blüten bisher immer geschlossen waren, sieht plötzlich so lebendig aus.
Kein Wunder. Ich habe mal gegoogelt, um herauszufinden, wie sie heißt. Wenn ich mich nicht täusche, handelt es sich um Ipomoea purpurea, die bunte Prunkwinde (Zierwinde). Laut Internet öffnet sie ihre Blüten nur vormittags. Ein weiterer guter Grund, im Garten zu übernachten.

Ich genieße eine Weile den hübschen Anblick, dann schmeiße ich die Kaffeemaschine an, wische die Feuchtigkeit von den Möbeln und decke den Frühstückstisch auf dem Laubenvorplatz der Terrasse.
Vorsichtig luge ich um die Ecke. Aus dem Zelt ertönen gleichmäßige Atemzüge in unterschiedlichen Tonlagen. Sollen die beiden ruhig noch eine Runde schlafen, während ich diesen wunderbaren Morgen mit einer Tasse Kaffee genieße …

Mann und Zwerg biegen um die Ecke.
„Ich glaube, ich werde gleich mal die Hecken schneiden!“
„Mama, mir ist eine Ameise über das Gesicht gekrabbelt, aber ich habe sie einfach zerquetscht!“
Der Mann gießt sich einen Kaffee ein, der Zwerg klettert auf meinen Schoß und hält mir etwas Schwarzes unter die Nase. Sehe ich da etwa noch ein Beinchen zucken?
„Die arme Ameise“, sage ich. „Du hättest sie einfach wegwischen und weiterleben lassen sollen.“
„Ha!!“, schreit der Zwerg und springt ab. „Ich bin ein großer Kämpfer, und die Ameise hat mich angegriffen!“
Ich halte ihm einen Vortrag über Lebewesen und Friedfertigkeit und darüber, wie wichtig die Insekten für unseren Garten sind. Der Mann grinst sich eins ob des hehren Versuches, der Zwerg schaut mich an und nickt abwesend. Dann jagt er einer Kellerassel hinterher. Hat wohl was mit Testosteron zu tun.
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Als die Mittagssonne sengend am Himmel steht und die Blüten der Prunkwinde längst geschlossen sind,

  • hat der Mann die Hecken geschnitten und dabei einen neuen Nachbarn kennengelernt, der ihm gleich ein Monstrum von Heckenschere rübergereicht hat. (Merkwürdig, dass so etwas nicht in unserem Schuppen liegt. Herr Wuttke hatte doch sonst die volle Ausstattung.)
  • habe ich endlich sämtliche Verblühten abgeknipst, den Brennesselbusch vor dem Wasserschacht als Zitronenmelisse enttarnt (leider völlig verblühte Zitronenmelisse, mit der man nun nichts mehr anfangen kann. Ich lasse sie trotzdem stehen. Brennt ja nicht) und 0,005 Prozent des Unkrautgesamtaufkommens eliminiert. Immerhin ein Anfang.
  • haben wir das Zelt abgebaut und wieder eingepackt, den Swimmingpool gefüllt und die Gartendusche aufgestellt.
  • ist meine Freundin Clementine eingetroffen, die einen geruhsamen Tag auf Parzelle mit uns verbringen will.
  • habe ich den Schrank in der Laube ausgemistet und einen Blaumann und Gummistiefel von Herrn Wuttke, die keinem von uns passen, für Bert zurückgelegt.
  • hat Bert seine Schubkarre, die er uns geliehen hat, abgeholt und den schlappen Blaumann gleich mit.

Schlapper BlaumannAb jetzt heißt es im Badeanzug ’rumlaufen, alle dreißig Minuten eine Dusche nehmen und ab und zu mal einen Satz sagen. Der Zwerg flitzt immer wieder rüber zu Claudi, Bert und Martin. Bis sie irgendwann ihr Gartentörchen abschließen, um Siesta halten zu können. Wir vermuten, dass es eine lange Siesta wird.

Später kommen weitere Freunde mit dreijähriger Zwergin, die den Garten zum ersten Mal sehen. Wir grillen, die Zwerge spielen im Wasser und entdecken am Ende ein Vogeljunges, das im Rohr unter einem der Hydranten hockt. Es wird vorsichtig herausgehoben und auf den Rasen gesetzt.
„Wo ist denn seine Mama?“, fragen die Zwerge fassungslos.
„Die kommt bestimmt gleich und holt es“, sage ich.
Die beiden schauen in den Himmel. Zwei Vögel fliegen nebeneinander her.
„Da, guck, das sind seine Eltern“, ruft die kleine Zwergin.
Der Zwerg nickt: „Die warten, bis wir weg sind. Vögel sind nämlich scheu.“
Wir Erwachsenen nicken ebenfalls und hoffen, dass das Vögelchen bei unserem nächsten Gartenbesuch tatsächlich weg ist.
Die Zwerge drängen zum Aufbruch („Damit das Vogelkind nicht so lange auf seine Mama und seinen Papa warten muss.“), wir packen den Anhänger voll und schieben ab. Der Zwerg winkt über den Gartenzaun in Richtung Laube.
„Tschüß Garten! Viel Glück, Vogelkind!“