Moralischer Mundraub am Pflaumenbaum

Moralischer Mundraub am Pflaumenbaum

Unsere Nachbarparzelle ist sei Monaten verwaist. Die Pächter haben keine Zeit mehr und schon letztes Jahr beschlossen, ihren Garten aufzugeben. Man munkelt, es gebe bereits Nachfolger, aber von denen haben wir noch nichts gesehen. Stattdessen vertrocknen nebenan die Blumen, wächst das Gras und schießt das Unkraut in die Höhe.

„Was ist das denn für ein toller Pflaumenbaum?“, fragt die neue Freundin eines Freundes, als sie das erste Mal in unserem Garten zu Besuch ist.
„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Achseln.
„Sind die schon reif?“
Ich zucke wieder mit den Achseln. Zwar haben uns die Nachbarn letztes Jahr angeboten, dass wir uns am Pflaumenbaum bedienen können. Aber aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, haben wir es nicht gemacht. Mir fehlen also die Vergleichswerte.
„Die sind noch ganz schön hell“, sage ich, um nicht völlig ahnungslos auszusehen.
„Man könnte ja mal testen“, schlägt die Freundin vor.
„Au ja, testen!“, ruft der Zwerg.
Wir gehen zum Zaun. Der Baum hängt voll mit Pflaumen, die meines Erachtens wirklich noch ein bisschen zu hell sind.

Äste, voll mit hellvioletten PflaumenDie Freundin pflückt eine Pflaume und probiert.
„Zuckersüß“, sagt sie, „die sind genau richtig.“
So viel zu meinen Pflaumen-Kenntnissen. Ich probiere auch eine und muss zugeben – die Dame hat recht. Köstlich!

Eigentlich haben wir ja die Erlaubnis, uns zu bedienen, überlege ich. Aber wenn es tatsächlich neue Nachbarn gibt, dann gilt das natürlich nicht mehr.
„Siehst du hier irgendwo Nachbarn?“, fragt mich der Mann, als ich meine Gedanken kundgetan habe.
Weder rechts noch links unserer Parzelle ist auch nur der Bauchansatz eines Gartenfreundes zu sehen.
„Und was wird aus diesen wunderbaren Früchten, wenn niemand sie pflückt?“, fragt er weiter.
Wahrscheinlich Fallobst, gebe ich zu.
Also dann. Retten wir die Pflaumen vor dem Verfall. Betreiben wir moralischen Mundraub.
Ich schnappe mir alle Eimer(chen), die ich finden kann, und schicke die Freundin samt Zwerg aufs Nachbargrundstück. Die beiden steigen über den Zaun, ich pflücke von unserer Seite aus.
Immer wieder schaue ich verstohlen auf den Weg, falls vielleicht doch plötzlich unsere alten oder neuen Nachbarn aufkreuzen. Aber es bleibt ruhig in der Kolonie. Und so pflücken wir so viele Pflaumen, wie in des Zwerges Kindereimerchen passen.

Drei Eimer randvoll mit PflaumenAls die voll sind, füllen wir noch eine Mülltüte. Dann reicht es erst mal. Am Abend schleppen wir unsere Beute nach Hause. In den nächsten Tagen wissen wir gar nicht, wohin damit. Zum Backen und Einmachen fehlen mir Zeit und Lust. Also beglücken wir unsere Nachbarn mit einer Schüssel Pflaumen und geben ein paar Tage später der Babysitterin, die nach ihrem Arbeitseinsatz am Zwerg noch zu einer Party gehen will, eine ordentliche Portion mit. Die sollen neben dem Alkohol mal ruhig auch etwas Gesundes konsumieren, die jungen Leute.

Am nächsten Wochenende sind alle Pflaumen weg und wir beschließen, noch mal Mundraub zu begehen. Wäre doch zu schade, wenn die wunderbaren Früchte hängenblieben und ein bitteres Ende als Fruchtmumien nähmen.
Aber als wir in der Kolonie ankommen, sehen wir Leute im Nachbargarten. Es sind unsere alten Nachbarn, die ihre Parzelle offensichtlich noch nicht losgeworden sind. Das ganze Jahr über haben sie sich nicht blicken lassen, doch jetzt stehen sie zusammen am Pflaumenbaum und pflücken.
Nun ja, wer kann es ihnen verdenken? Sie wissen halt, was gut ist.