In den Tiefen des organischen Materials

Der Mann und ich deponieren den Zwerg bei einem seiner Kita-Kumpels, um uns mal länger als fünf Minuten ungestört der Parzellenpflege widmen zu können. Ich würde am liebsten die Rosen beschneiden, aber mein Lieblings-Pragmatiker überzeugt mich, dass es wichtiger ist, die Hecke in der Schmuddelecke hinter der Laube zu kürzen. Diesen Teil des Gartens haben wir bisher sträflich vernächlässigt, daher ist die Hecke mächtig ins Kraut geschossen und überwuchert den Kompostbehälter und die randvolle Regentonne.

Mit Elektro- und Offline-Scheren machen wir uns an die Arbeit und stutzen das grüne Monster gehörig zurecht. Mit jedem Schnipp und Schnapp wird es heller um uns herum, irgendwann lässt sich dann auch der Deckel des Komposters wieder öffnen. Er ist voll von Zweigen, Grasschnitt und anderem organischen Material. Es muss über ein Jahr her sein, dass Herr Wuttke sich darum gekümmert hat.
„Was machen wir denn jetzt mit dem Zeug?“, fragt der Mann.
„Keine Ahnung. Sieht nicht so aus, als würde hier etwas verrotten“, gebe ich zurück.
Kurzerhand holt der Mann einen Spaten aus dem Schuppen und beginnt, das Zeug in die Schubkarre zu schaufeln. Ein Astgeflecht lässt sich nicht so einfach herausziehen, also schneidet der Mann es erst einmal ab. Ich übernehme den Spaten von ihm und schaufele weiter.
Eine Maus wühlt sich ans Tageslicht. Ich mache einen Satz nach hinten.
„Oh mein Gott, da drin lebt es!“
Die Maus springt panisch über den Rand des Komposters und landet in der Regentonne. Im nächsten Augenblick ist nichts mehr von ihr zu sehen. Nur das Wasser schwappt sachte. Jetzt haben wir schon das zweite Mäuseopfer in unserem Garten zu beklagen. 😦

Wesentlich zaghafter grabe ich weiter. Wer weiß, was sonst noch in den Tiefen des organischen Materials verborgen ist. Vorerst krabbeln jedoch nur Asseln und anderes Ohrenkneifergetier aus ihren Verstecken.
Bald erkenne ich, dass wir bei dem Astgeflecht wieder so ein Problem der Marke „Pflanze-steckt-fest-wie-in-Beton“ haben. Mit dem Spaten lassen sich diese Dinger jedenfalls nicht aus dem Komposter schippen.
Wieder muss der Mann ran, und diesmal schafft er es. Er zerrt mehrere Pflanzen samt Wurzelwerk heraus. Das bedeutet, dass die Pflanzen tatschächlich in dieser dunklen Kiste Wurzeln geschlagen haben und gewachsen sind. Ich meine – wie geht das, so ganz ohne Licht und Wasser?
Ich schaufle weiter bis zum Pegelstand untere Hälfte Behälter. Ab hier stoße ich auf so etwas wie richtige Erde.
Die hat Vorpächter Wuttke doch sicherlich nicht selbst eingefüllt. Also muss das schon richtiger Kompost sein. Der scheint sich einfach so gebildet zu haben, obwohl sich niemand um sein Wohl gekümmert hat. Also wirklich, diese Natur! Macht einfach, was sie will, ohne menschliches Zutun …

Ich lasse den vermeintlichen Kompost also im Behälter und fahre das herausgeschaufelte Zeug zum Vereinskompostplatz. Mir ist klar, dass das irgendwie idiotisch ist, aber ich mache es trotzdem.
Nachdem ich dann noch gefühlt hundert Schubkarrenladungen Heckenschnitt abtransportiert habe, wird es Zeit, den Zwerg bei seinem Kumpel abzuholen. Bevor wir fahren, zupfen der Mann und ich noch schnell die reifen Äpfel vom hinteren Baum. Sie sind knallrot und in einem sehr guten Zustand. Da hat die Natur ganze Arbeit geleistet. Völlig ohne unser Zutun. 😉

Äpfel rot 1

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