Wer den Besen schwingt, braucht für die Blase nicht zu sorgen

Es ist Samstag, acht Uhr morgens. So früh haben wir uns noch nie auf den Weg zum Garten gemacht. Gähnend schieben wir die Karre in die S-Bahn. Ein anstrengender Tag steht uns bevor: Zuerst darf ich gemeinsam mit Martin aus unserer Gartenclique anrücken zum Juli-Arbeitsdienst. Der soll fünf Stunden dauern. Und es soll heiß werden. Schreberin is not amused …

Pünktlich um neun biegt Martin mit der Schubkarre um die Ecke und sammelt mich samt Rechen und Harke ein. Wir melden uns im Vereinszelt und warten auf unsere Aufgabe. Überall wuseln schon Gartenfreunde herum und jäten Unkraut, schneiden Hecken, stutzen Büsche und kratzen Moos aus Bodenfugen.

„Euch möchte ich bitten, das gesamte Zelt auszukehren“, sagt der Koordinator und drückt uns zwei Besen in die Hand.
Klar, der Arbeitsdienst findet rund ums Festzelt statt. Schließlich ist heute Abend Sommerfest, da soll alles schick aussehen. Ich schaue auf den Boden. Ganz schön viele Blätter hier. Martin entscheidet sich für die rechte Hälfte des Zeltes, ich fege die linke.

 

Blätter zwischen Fest-Tischen und StühlenBeine, Schuhe, Besen

So arbeiten wir uns von hinten nach vorn. Ich komme mir vor wie Beppo der Straßenfeger. (Klickt auf den Link, es ist immer wieder schön anzuhören :-))
Nach einer halben Stunde exzessiven Fegens kribbelt es an meinem rechten Daumen. Ich schaue drauf und traue meinen Augen nicht: eine Blase! Meine zarten Schreibtischhände verkraften keine dreißig Minuten Kontakt mit einem Besenstiel. Ich hätte mir vielleicht doch Handschuhe mitbringen sollen.
„Na, alles in Ordnung?“ Der Zwerg hat sich herangepirscht und schaut mir zu. „Ich will auch mitarbeiten.“
Kein Problem. Ich drücke ihm den Besen in die Hand und schone aktiv meinen Daumen. Der Zwerg wirbelt den Besen herum und damit auch sämtliche Blätter, die wir schon zu kleinen Häufchen zusammengekehrt hatten.
Ich habe vor, ihn in zehn Jahren an unserer Stelle zum Arbeitsdienst zu schicken. Bis dahin muss er aber auf jeden Fall noch üben.

 

Zwerg mit Besen

Als das Zelt entblättert ist, müssen Martin und ich noch die Bodenplatten rund um die Kneipe bloßlegen und von Unkraut befreien. Dann gibt es erst mal eine Pause mit Kaltgetränk. Der Zwerg trinkt meine gesamte Apfelschorle aus und macht sich zurück zur Parzelle, um zu gucken, was der Papa so treibt.
Die Mama, Martin und zwei weitere Gartenfreunde müssen derweil den Parkplatz rechen. Millionen kleiner Blättchen, die minütlich von den Bäumen heruntersegeln und im Staub liegen bleiben. Reinste Si­sy­phus­ar­beit, die wir nur machen müssen, damit es heute Abend beim Fest halbwegs manierlich aussieht. Nun denn, wirbeln wir also mit unseren Rechen den schwärzlichen Staub auf. Mittlerweile ist es elf Uhr und die Sonne knallt uns schon ganz schön auf den Kopf.

 

Martin fegt den Parkplatz

Meine Daumen-Blase ignorierend schwinge ich den Rechen. Hier kommt meine pingelige Seite zum Vorschein. Ich bilde mir ein, sämtliche Blättchen entfernen zu können und gehe immer wieder über dieselben Stellen. Die anderen schauen mich schon leicht komisch an, Martin bringt es auf den Punkt: „Nu übertreib mal nicht. Diesen Kampf kannst du nicht gewinnen.“
Wir laden unsere Beute in die Schubkarre und warten ergeben auf die nächste Aufgabe. Schließlich müssen wir noch bis 14 Uhr unseren Dienst an der Kolonie leisten. Doch der Koordinator erwartet nur noch eine Handlung von uns: unterschreiben. Dann sind wir entlassen.
Das Festzelt und der Platz drumherum sehen aus wie neu, das war das Ziel für heute und das haben wir erreicht.

Auf Parzelle geht es allerdings weiter. Denn als ich dort ankomme, sehe ich den Mann an einer der Hecken herumturnen. Die wollen wir heute alle schneiden. Und das Unkraut, bzw. ein Teil davon, ist auch noch fällig.
Ich werfe einen kurzen Blick auf die Blase an meinem Daumen und greife nach Schere und Schäufelchen. Ab jetzt wird der Daumen geschont, dafür bekommt der Rücken sein Fett weg. Aber: Wer einen schönen Garten haben will, muss (zuweilen) leiden. Nicht wahr?

 

 

 

Bombige Beats, Zuckerschock und das Prinzip von Verlosung und Glück

„Gastkinder fünf Euro, Koloniekinder umsonst“, sagt die Vermietungsfrau und reicht uns zwei Karten mit Bändchen zum Umhängen.
Heute ist Kinderfest in unserer Kolonie. Seit Tagen spricht der Zwerg von nichts anderem mehr, er hat seine Kitafreundin Lili eingeladen und drückt ihr jetzt ihre Spielekarte in die Hand.
„Ich bin Koloniekind, du leider nicht“, erklärt er ihr mit stolzgeschwellter Brust. „Aber du darfst trotzdem mitmachen.“
Der Mann schiebt Dienst an der Hüpfburg. Eine Stunde lang ist er dafür zuständig, den steten Kinderstrom zu kanalisieren und folgendes Mantra herunterzubeten: „Nur fünf Kinder gleichzeitig. Schuhe ausziehen. Die Eltern müssen immer dabeistehen.“
Ich kaufe Bons, damit sich die Kinder Zuckerwatte holen können. Als der Mann seinen Hüpfdienst quittiert hat, setzen wir uns zusammen mit Lilis Vater an eine Biertisch-Garnitur und konsumieren Kaffee, Kuchen, Bier, Apfelschorle und Mineralwasser.
Es könnte richtig gemütlich sein. Aber leider produziert der DJ eine Musikuntermalung mit technoisierten Kinderliedern im Dezibelbereich eines Presslufthammers. Den Zwerg und Lili stört das nicht. „Pipi Langstrumpf!“ rufen sie, oder „Die kleine Wanze!“ und singen euphorisch mit.
In der Ferne laufen zwei als Star-Wars-Krieger verkleidete Menschen herum. Der Zwerg starrt sie mit offenem Mund an. Man kann sich mit ihnen fotografieren lassen – kostet nur einen Bon. Wir gehen nach vorn, doch als es ernst wird, senkt das Zwerglein verschämt den Kopf und wird ganz still. Sind wohl doch zu unheimlich, die beiden Gestalten.
Interessanter ist da schon die Tombola. Ein Los einen Bon. Die Auslosung findet jede Stunde statt und folgt einer komplizierten Regel, die wir Erwachsenen auch erst nach dem vierten Nachfragen begreifen. Wir stecken unsere Lose ein.
„Und was bekommen wir jetzt?“, fragt Lili?
Wir erklären ihr das Prinzip von Verlosung und Glück. Sie beginnt zu weinen. Wieder etwas gelernt im jungen Leben …

Als die Zwerge vom Zuckerschock (Zuckerwatte, Eis, Caprisonne, diverse Süßigkeitengewinne) niedergestreckt werden, ist es Zeit für Lili und ihren Vater, nach Hause zu fahren. Begleitet von bombigen Beats bringen wir sie zum Tor. Das Gastkind steigt ins Auto, das Koloniekind winkt zum Abschied. Im Technotakt.

Viertelfinale: Die Kleingartenkolonie bebt

Ich sitze in meinem Homeoffice und arbeite vor mich hin. Die Sonne scheint auf den Monitor, es ist kaum etwas zu erkennen. Irgendetwas läuft hier falsch. Ein Blick auf die Uhr: 15.30. In zweieinhalb Stunden spielt Deutschland gegen Frankreich.

Ich greife zum Handy und rufe den Mann an: „Wollten wir nicht Claudi fragen, ob sie das Spiel in ihrem Garten schaut?“
„Ach ja, stimmt, hatte ich ganz vergessen. Mach ich mal gerade.“
Zwei Minuten später: „Geht klar. Wir sollen was zu Grillen mitbringen. Besorge ich. Bis gleich.“
Ich schließe alle Dokumente, packe kurze Hose, T-Shirt und Sandalen für meinen Businessman ein sowie die infernalisch laute Fußball-Ratsche, die meine Eltern letztens dem Zwerg geschenkt haben. Fußball und RatscheDie ist soooo laut, dass wir eine Regel aufgestellt haben: Geratscht wird nur, wenn die favorisierte Mannschaft ein Tor schießt. In Ausnahmefällen erlauben wir kurzes Ratschen in euphorisierenden Momenten – aber nur auf doppelt ausgefüllten Antrag.

Ich radle zur Kita und sammle den Zwerg ein, der ob der Tatsache, dass wir jetzt in den Garten fahren, ein anderes Kind wird: Noch nie ist er so zügig (und vor allem so freiwillig) auf Toilette gegangen, hat sich Schuhe und Jacke angezogen und steht bereit, bevor ich „Zwerg, jetzt mach doch mal weiter“ sagen kann.
Wir fahren in der S-Bahn Richtung Kolonie, und wie es der Zufall so will, steigt der Mann ein paar Stationen später genau in unseren Waggon. Das Hallo ist groß. Noch eine Stunde bis zum Spiel.

Auf Parzelle schmeißen wir unsere Sachen ab, der Mann zieht sich um, und los geht es zwei Lauben weiter zu Claudi und Bert. Hier sitzen sie schon in großer Runde, Weißweinschorle und Bier kreisen, es gibt duftenden Blechkuchen mit Kirschen und karamellisierten Mandeln. Die zwanzig Jahre alte Markise ächzt im Wind, schützt uns aber vor der Sonne. Leider ist der Blick auf den Röhrenfernseher so verstrahlt wie auf meinen Monitor: Man sieht nicht wirklich viel. Aber egal. Ich merke mir, in welche Richtung Deutschland schießen muss und orientiere mich ansonsten an den Kommentaren des Moderators und der anderen. Einer in unserer Runde ist Halbfranzose und für Frankreich. Wenn wir jubeln, geht sein Fluchen unter, wenn wir vor Schreck wie gelähmt sind, hört man, wie er sich freut.

In der Halbzeitpause gehe ich eine Runde durch Claudis Garten. Sie hat ihn letztes Jahr genauso blauäugig übernommen wie wir unseren im Februar. Vor ein paar Wochen hatte sie Besuch von einer befreundeten Floristin, die ihr die Namen sämtlicher Pflanzen auf kleine Täfelchen geschrieben hat. Diese Täfelchen klemmen überall. Forsythie lese ich, Kirschlorbeer, Liebstöckel, Herbstaster usw. So etwas könnte ich auch gebrauchen. Noch immer rätsele ich über so manches Gewächs in unseren Beeten. Auf Anfrage erfahre ich, dass die Floristin 600 km weit weg wohnt. Zu dumm.

In der zweiten Halbzeit kann ich mich, wie üblich, nicht umgewöhnen und peile daher nicht, als Deutschland das 1:0 schießt. Gerade will ich mich ärgern, als die anderen jubeln. Der Zwerg greift zur Ratsche und pustet uns das Trommelfell weg. Die Kleingartenkolonie bebt: Aus den Nachbargärten wallt Jubel zu uns herüber, Raketen werden abgeschossen, Vogelschwärme schießen aus den Bäumen in den Himmel. Unser Frankreichfan ruft: „So ein Mist!“ Zumindest meine ich es ihm von den Lippen abzulesen.

Nach dem Spiel wird der Grill angeschmissen. Vegetarier, Veganer und Fleischfresser kauen einträchtig nebeneinander und analysieren das Match. Der Mann und ich setzen uns ab und gehen gießen. Leider sind Stellen des Rasens verbrannt. Wir müssen wirklich öfter zum Wässern kommen, merken wir.
Eine Stunde später hat unser Garten das, was ihm zusteht. Das Wasser tropft von den Blättern, die Erde ist nass und schwarz. Tief befriedigt gehen wir zurück zu Claudi und den anderen. Mit den Worten: „Ich habe einen ganz tollen Trick gelernt, aber das ist mein Geheimnis!“ rennt uns der Zwerg entgegen. Die anderen grinsen diabolisch. Ich will lieber nicht wissen, was sie ihm beigebracht haben. Spätestens wenn etwas kracht, zerbricht oder mit lautem Pfeifen auseinanderfliegt, wird es mir dämmern.

Beim Beginn des zweiten Spiels mache ich mich mit dem Zwerg auf den Heimweg, der Mann bleibt noch. Wir gehen den dunklen Weg von der Kolonie bis zur Hauptstraße. Man sieht nur einen Meter weit, es ist ein bisschen unheimlich (das nächste Mal nehmen wir eine Taschenlampe mit), aber gleichzeitig zirpen die Grillen. Immer wieder bleiben wir stehen, um zu lauschen. Wann hat man das schon mal in der großen Stadt, die ständig hell und laut ist? Die Antwort: Wenn man einen Schrebergarten hat. 🙂