Dschungel-Roden ist das neue Unkraut-Jäten – Teil 2

Es ist merkwürdig dunkel, als ich erwache. Ach ja, ich habe mich ja von innen in der Laube eingeschlossen. Voller Tatendrang will ich von der Schlafcouch springen, aber mein Bauch, mein Nacken und meine Waden machen mir einen Strich durch die Rechnung – alles ziept und zwickt. Langsam erhebe ich mich und schließe die Tür auf. Frische Luft und Vogelgezwitscher strömen mir entgegen. Es ist halb acht, die Kolonie schläft noch.
Nach einem Kaffee und einem Brötchen bewege ich meine steifen Glieder zum Unkrautfeld. Ich hätte mich dehnen sollen gestern, stattdessen habe ich stundenlang auf dem Boden gehockt, bin auf dem Spaten herumgesprungen und habe kiloschwere Erdbocken durch die Gegend gewuchtet. Mein Fuß, der gestern noch geschmerzt hat, hat sich über Nacht Gott sei Dank wieder beruhigt. Grund genug, da weiterzumachen, wo ich gestern Abend aufghört habe.

Ich breche dicke Pflanzenstängel aus knochenharter Erde und fummele auch mikroskopisch kleine Nachkömmlinge heraus. Ich kann es nicht verhehlen: ich gehöre der Jätfraktion „Pinzette“ an. Über solche wie mich machen sich andere lustig. Am liebsten würde ich jeden frischen und jeden abgestorbenen Wurzelstrang aus der Erde ziehen, aber das ist schlicht unmöglich. Innerhalb von nur ca. 2 Monaten haben die ungebetenen Pflanzen – aka Unkräuter – die 10 Kubikmeter Mutterboden vollständig durchzogen. Es ist mir auch ein Rätsel, wie solch feine Wurzeln es schaffen, diese verdichtete Erde (es gibt ja einen Grund, warum ich mich immer wieder mit meinem ganzen Gewicht auf den Spaten stelle – und mir beim Abspringen den Fuß verknackse) zu durchdringen. Wahrscheinlich genau deshalb, weil die Wurzeln so fein sind. So hänge ich meinen philosophischen Gedanken nach, während ich mich durch die Erde wühle.

Am Abend habe ich – gemeinsam mit dem Mann, der gegen Mittag im Garten angekommen ist – den halben Dschungel gerodet

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sowie die Brachfläche rund um die Koniferen im vorderen Garten von der Quecke befreit.

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Wir säen Gelbsenf aus und wässern kräftig. Muskelkatergeplagt schleppe ich mich nach Hause. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich lauter Unkraut. Ich hatte eindeutig eine Overdose und will jetzt erst mal nichts mehr vom Rest des Dschungels wissen. Aber selbst wenn ich wollte – ich könnte mich auch gar nicht darum kümmern. Ich habe einen solchen Muskelkater, dass ich beim Schuhezubinden in die Knie gehen muss und meine Hände beim Halten der Kaffeetasse zittern. Erst als ich mich wieder in etwa so jung fühle, wie ich wirklich bin, mache ich mir Gedanken über die Aufgabe, die im Garten noch auf mich wartet.

Zwei Wochen später knöpfe ich mir das letzte Unkraut-Drittel vor, dessen Pflanzen mittlerweile größer sind als der Zwerg.

Unkraut, letztes Drittel

Der Gelbsenf hat sich schon etabliert und ist ein gutes Stück gewachsen. Da ich jetzt weiß, wie der Hase läuft, komme ich zügig durch. Nach drei Stunden ist das Feld gerodet. Jetzt noch die nackte Erde so verschippen, dass die Fläche halbwegs eben ist, und auch hier Gelbsenf einsäen. Einen Teil der Erde lasse ich erst mal frei, falls wir sie kurzfristig an anderer Stelle im Garten brauchen.
Nachdem ich alles schön gegossen habe, betrachte ich mein Werk:

Fläche, halb bewachsen, halb frei

Zwar werde ich spätestens morgen wieder einen deftigen Muskelkater haben, aber das nehme ich gern in Kauf dafür, dass in unserem Garten – zumindest an dieser Stelle – endlich wieder Bundeskleingarten-konforme Zustände herrschen. Der Mini-Tarzan aus Teil 1 jedenfalls kann sich eine andere Betätigungsstätte suchen.

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Was dieser LKW anliefert, ist zu viel für eine Schubkarre

Morgen ist mal wieder ein großer Tag. Unser ehemaliger Pool, bzw. das jetzt vorhandene Loch, soll mit Erde zugeschüttet werden. Aber die muss erst mal in die Kolonie kommen. Wir sind seit zwei Stunden im Garten und warten auf den erlösenden Anruf der Muttererde-Transport-Firma. Endlich klingelt das Handy, der Mann geht ran.
„Sehr gut, ich lasse Sie rein.“
Wir gehen die 150 Meter zum Kolonie-Parkplatz. Davor steht mit dröhnendem Motor ein weißer LKW. Er ist beladen mit zehn Kubikmetern Muttererde.
Wir öffnen das Tor und der LKW fährt rückwärts bis zur Stelle, die wir zuvor mit rot-weißem Band abgesperrt haben.

LKW rückwärts fahrend

Die Heck-Klappe geht auf und ein Schwall brauner Erde ergießt sich auf den Boden. Viel Erde. Auf einem Haufen.


„Das kriegen wir niemals an einem Tag rübergekarrt.“ Der Mann rauft sich die Haare.
„Beruhige dich.“ Ich tätschele seinen Oberarm. „Yunus hat das im Griff.“
Yunus ist unser türkischer Nachbar. Als wir ihm erzählt haben, dass wir Leute für die Erdbewegung suchen, hat er sofort sein Handy gezückt. „Kein Problem, ich habe genug Cousins.“

Zugesagt haben vier Cousins und Yunus selbst. Zusammen mit dem Mann sind das sechs Leute, die morgen die zehn Tonnen in das große Loch in unserem Garten karren werden. Ich und der Zwerg werden Massenweise Kartoffelsalat, Brötchen, Käse und Putenaufschnitt in den Garten karren, als Treibstoff für die Schwerstarbeiter.

10 Kubikmeter Muttererde

Da stehen wir jetzt also neben unserem Erdhaufen, der markiert ist mit einem dünnen Plastikband. Hoffentlich ist morgen noch genauso viel Erde da wie heute. Denn angeblich gibt es Gartenfreunde, die sich in ähnlichen Fällen gerne mal ein oder zwei Schubkarren für den Eigenbedarf abgezweigt haben.
Wir sehen davon ab, eine Selbstschussanlage zu installieren. Schließlich sind ein oder zwei Schubkarren auch nicht das Problem. Schlimmer wäre es, wenn es regnete. Das wäre unerwünschtes Extra-Gewicht für die Cousins und den Mann.
Also ein Stoßgebet an Petrus geschickt und nach Hause gefahren. Ausruhen vor dem großen Tag.