Zeig mal, was die Latte kann

Und weiter geht’s bei der Erfüllung unserer Pächterpflichten.
Neben dem Abriss des Pools haben wir ja noch einiges zu tun. Zum Beispiel den Flieder fällen, der zu nah am Nachbarzaun steht. Ich finde es zwar schade, dass der Baum dem Bundeskleingartengesetz zum Opfer fallen muss, aber wat mut dat mut.

„Haben wir eigentlich eine Säge?“, frage ich den Mann.
„Klar.“
Der Mann steigt über Rasenmäher, Harke und sonstige Gerätschaften, die wir aus dem nicht mehr existierenden Schuppen erst mal in die Laube geräumt haben.

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Nachdem er sich durch die Schichten gewühlt hat, kommt er mit etwas zurück, das aussieht wie eine Zaunlatte.

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Ich lache laut auf.
„Du lachst“, sagt der Mann. „Diese Säge hat Herr Wuttke selbst gebaut. Und was der baut, ist unverwüstlich.“
Okay, wenn man an den Pool und den Schuppen denkt, die Jahrzehnte überdauert haben und nur mit Presslufthammer kleinzukriegen waren, mag es stimmen.
„Dann zeig mal, was die Latte kann.“

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Der Mann setzt an und sägt einen Ast ab.
„Geht durch wie bei Butter“, sagt er stolz.
„Und was ist mit dem Stamm? Ist der auch aus Butter?“
Der Mann schiebt den Unterkiefer vor und schweigt. Denn der Stamm ist natürlich viel zu dick für Herrn Wuttkes selbstgehäkeltes Zaunlatten-Werkzeug.

Da werden wir wohl entweder unsere Nachbarn bemühen, die im Besitz einer Baumarktsäge sind. Oder gleich in den Baumarkt fahren und uns eine Motorsäge ausleihen. Dann würde das mit der Butter auch wieder passen.

Ein Swimmingpool ist keine Boccia-Kugel

Vor fast genau einem Jahr ist uns der Schrebergarten vor die Füße gefallen. Nein, er hat uns förmlich angesprungen.
Wo andere jahrelang auf eine Parzelle warten müssen, konnten wir uns bequem an einem Buffet bedienen: Mehrere Gärten waren frei, wir hatten die Wahl und, weil wir mitten im Winter kamen, auch keine Konkurrenz.
Wo andere zigtausend Euro hinblättern, bekamen wir den top gepflegten Garten samt super gut erhaltener Laube für: Nullkommanichts. Wir unterschrieben den Pachtvetrag, zahlten unserem Vorpächter einen minimalen Abstand für eine komplette Gartenausstattung vom Rasenmäher über den Liegestuhl bis zum Kaffeelöffel und – zogen ein.
„Wo ist der Haken?“, höre ich all die neidischen anderen flüstern.
„Haken?“, frage ich unschuldig. „Was für ein Haken?“

Nun ja, klar gibt es einen Haken. Und der ist nicht aus Metall, sondern aus Beton. Aus viel Beton. Beton in Form eines Schuppens und Beton in Form eines nierenförmigen Swimmingpools.

Swimmingpool

Und all dieser Beton muss weg! Dem Erdboden gleichgemacht werden. Sagt das Bundeskleingartengesetz. Deshalb mussten wir keinen Cent bezahlen, um den Schlüssel zu bekommen. Denn bezahlen werden wir mit dem Schweiß auf unserer Stirne!
Die große Abrissaktion war eigentlich für letzten Herbst geplant. Doch da kam so einiges dazwischen. Dann gab es ein paar zaghafte Terminvorstöße für Januar und Februar, die sich leider schneller erledigt hatten, als man Bundeskleingartengesetz schreiben kann. Aber jetzt naht die große Stunde: Morgen besorgen der Mann und unser Freund Martin Presslufthammer, Stemmeißel, Fäustel und was man sonst noch braucht, um so richtig Rabatz zu machen.

Deshalb haben wir am letzten Wochenende den Schuppen ausgeräumt. Der voll war mit altem Zeug, das Herr Wuttke, unser Vorpächter, im Laufe seines langen Schreber-Lebens dort angesammelt hat. Säckeweise verrostetes Werkzeug, alte Schrauben und poröse Gartenschläuche haben wir rausgeschaufelt, bis die Hütte endlich leer war.

Schuppen

Neben hässlichem Dekokram aus den frühen 1970ern stieß der Zwerg auf ein Plastik-Boccia-Set in schickem Orange.
„Das will ich!“, ruft er.
„Haben“, füge ich hinzu.
„Nein, spielen“, korrigiert er mich und hebt das Ding am Griff hoch.
Knacks, bricht der Griff ab. Das Set fällt auf den Boden und weiteres Plastik splittert durch die Gegend.
„Das Set hat auf jeden Fall die Ölkrise miterlebt.“ Der Mann setzt an, es in einem Müllsack zu versenken.
„Neiiiiiin!“, kreischt der Zwerg. „Ich will mit den Bällen spielen!“
Also bekommt der Zwerg eine Bocciakugel. Er stellt ein paar Kegel auf eine Wegplatte und wirft die Kugel. Kaum hat sie den Boden berührt, zerbricht sie in drei Stücke.

Plastikscherben

„Mein Ball!!!!!“, schreit der Zwerg entsetzt.
Ich puhle eine neue Kugel aus der Röhre. Sie zerbricht schon in meinen Händen.
„Die gehen alle sofort kaputt“, jammert das Zwerglein.
Der Mann seufzt tief: „Hoffentlich geht der Beton auch so leicht kaputt.“

Ich wünsche es der Abrissbrigade sehr. Aber ich fürchte, es wird nicht ganz so einfach. Denn wie hat mal ein weiser Mensch gesagt: „Ein Swimmingpool ist keine Boccia-Kugel.“

Wir rechen, wir rechen, wir rechen den ganzen Tag

Als wir auf unsere Parzelle zugehen, traue ich meinen Augen nicht: Das, was ich erst vor Kurzem mühsam freigelegt habe, ist mit einer neuen (und seeeehr dicken) Schicht aus braunem Laub bedeckt. Herbstlaub
Das Gartentörchen lässt sich kaum öffnen, die Blätter ziehen sich bis in den vorderen Garten, der Rasen ist voll davon.Laub im Eingang 2
„Mann“, sage ich sofort, „dafür brauchen wir die Nachbarschubkarre.“
Die gehört ja quasi uns, aber solange die Nachbarn noch nicht ausgezogen sind, müssen sie selbst die Fluten von Laub damit transportieren.
Der Mann steigt über den Zaun und hebt die Karre rüber. Ein Segen, dass das Bundeskleingartengesetz eine Gartenzäunchenmaximalhöhe vorschreibt.
Und dann wird gerecht, was das Zeug hält. Ich verliere beim Schnick-Schnack-Schnuck und muss fortan die Laubladungen zum Kompostplatz schieben. Mein Trost: Jeder Schritt hält fit.

Nach der Kaffeepause hieven wir das immer noch aufgepumpte Planschbecken aus dem immer noch nicht abgebrochenen Pool. Der Mann hat Desinfektionslösung mitgenommen, um den Beckenboden von den Spuren des Mäusedramas zu befreien. Weil es mich schüttelt, fahre ich freiwillig ganz viele Fuhren Laub weg. Und als ich schließlich fertig bin und der Kolonie-Kompostplatz etwa 3 Meter in die Höhe gewachsen ist, haben Mann und Zwerg das Becken desinfiziert, geschrubbt, abgetrocknet und entlüftet.Planschbecken platt Wir rollen es zusammen, stecken es in einen Müllsack und legen es zum Überwintern in die Laube.

Im Gegenzug packen wir alles Ess- und Trinkbare zusammen. Der Zwerg bietet sich an, das restliche Eis aus dem Tiefkühler fachgerecht zu entsorgenEis am Abend, während wir einen letzten Abwasch machen.

Vollbeladen und mit einem vollgefressenen frierenden Zwerg machen wir uns auf den Heimweg. Nächstes Wochenende werden wir noch mal kommen und uns dem Wasserthema widmen.

Letzte Ruhe im Swimmingpool

Es ist Mitte August, Hochsommer. Zumindest sagen das alle seriösen Kalender. Was sie nicht wissen konnten bei Redaktionsschluss: Vor einer Woche ist es plötzlich November geworden. Moment! November … da war doch was …

Oh ja, da war wirklich was. Und zwar die Abnahme. Also sie war nicht, sondern sie wird leider erst sein: Eine Kleingartenvereinpatrouille wird unseren Garten begehen und sich überzeugen, dass wir all die Rückbau- und Rückschnitt-BefehleVorgaben umgesetzt haben. Als da wären:
Schuppen abschlagen, Swimmingpool bis 30 cm unter der Erde entfernen, Hecke im hinteren Garten auf 1,50 m kürzen, illegales Gartentörchen entfernen, Flieder entfernen, Koniferen entfernen, Eiche entfernen … Oh mein Gott! Das müssen wir alles bis November geschafft haben.
Mit eiskalten Fingern wähle ich die Nummer von Martin, einem Freund, der von Beruf Bauingenieur ist. Vielleicht hat er ja Tipps, welche Firma wir mit den Schuppen- und Poolabbrucharbeiten beauftragen können.
„Das gucke ich mir erst mal an“, sagt er. „Vielleicht kann man es ja selbst machen.“
Selbst? Hmm, ich bin skeptisch. Da ist es ja nicht mit Steinchenklopfen getan. Dafür braucht man Werkzeug! Maschinen! Und zwar richtige!
Bagger

Kurz darauf treffen wir uns im Garten. Martin zückt Zollstock, Notizblock und Kugelschreiber. Der Mann und ich heben die Abdeckung vom Pool, um ihm das ganze Betonausmaß zu zeigen. Fach„männisch“ hocken sich die beiden Männer und der Zwerg auf den Poolrand und schauen in den Abgrund.
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„Mama, da liegt was!“, ruft der Zwerg.
Ich trete näher und werfe einen Blick in den Pool, wo wir unser Planschbecken (noch) verstauen, wenn wir es nicht brauchen. Auf dem Boden des Planschbeckens liegt tatsächlich etwas Dunkles. Ich kann nicht genau erkennen, was es ist.
„Das ist eine Maus“, stellt Martin fest.
So ist es. Jetzt erkenne ich mehrere Köttel auf dem Swimmingpoolrand. Und wie Nick Knatterton kombiniere ich: Maus auf Poolrand gehüpft, unter die Abdeckung geschlüpft, Abgrund nicht gesehen, runtergefallen, Genick …Tote Maus im Planschbecken im Pool
Rest in peace, kleines Mäuschen.
Der Mann holt Handschuhe und bettet das Tierchen um. Das Planschbecken werden wir dann wohl demnächst desinfizieren müssen.

Martin geht derweil herum, klopft gegen Wände und lächelt still vor sich hin. „Dafür würde ich keine Firma holen. Viel zu teuer“, sagt er schließlich. „Ich habe einen Kumpel, den rufe ich mal an, und wenn der Zeit hat, dann helfen wir euch.“
Das klingt nicht schlecht. Fachmännische Unterstützung auf dem Steinbruch. Jetzt kann der November kommen! (Also Kalendarisch. Temperaturtechnisch ist er ja schon längst da.)

Mit Kopftuch und Vorschlaghammer

21.12.2013

Bevor wir ins andere Bundesland zu unserer Familie fahren, treffen wir uns noch schnell mit der Frau, die für die Vermietung der Gärten zuständig ist. Diesmal kommen wir legal auf die Grundstücke. Und sehen die Lauben auch mal von innen: ein niedlicher kleiner Raum mit noch niedlicherer Miniaturküche, ein kleines Bad, von außen zu erreichen – das alles auf 18 qm. Jetzt im Winter ist es natürlich lausig kalt und ich kann mir kaum vorstellen, hier im Sommer meine Wochenenden zuzubringen. Wo ich doch so eine Frostbeule bin …

Wir erfahren viel über die Art, wie so ein Garten aussehen soll und darüber, wie die Gärten dann tatsächlich aussehen. Es dürfen z.B. nur eine bestimmte Anzahl von Quadratmetern Bodenoberfläche überbaut sein. Wenn jemand seine Parzelle abgeben möchte, schätzt ein Gutachter, was an Wert da ist und was zurückgebaut werden muss. In unserem Fall ist viel an Wert da, aber es muss auch extrem viel zurückgebaut werden. Der große Vorteil: Wir müssen keinen Cent für das Grundstück und die Laube und die Pflanzen bezahlen. Wir zahlen in Naturalien. Ich sehe mich schon im Kopftuch mit einem Vorschlaghammer auf den Schuppen einschlagen und die Trümmer in einer Schubkarre abtransportieren. Wenn wir das Ganze im Februar machen, wird uns wenigstens warm.

Wir signalisieren der Vermietungsfrau, dass wir sehr an der Parzelle interessiert sind. Trotzdem schauen wir uns noch alle anderen freien Gärten an. Nach anderthalb Stunden verlasse ich wieder einmal völlig durchgefroren die Kolonie.
„Bekommen wir jetzt einen Garten?“, fragt der Zwerg, als wir auf der Autobahn Richtung Familienbesuch fahren.
„Kann gut möglich sein. Jetzt feiern wir erst mal Weihnachten und lassen uns das alles durch den Kopf gehen.“