Dieses Eichhörnchen macht etwas völlig Untypisches

Der Zwerg und ich jäten mal wieder Unkraut. Ausnahmsweise schweigen wir. Man hört nur die Vögel zwitschern und das Rauschen der Bäume. Plötzlich zupft mich der Zwerg am T-Shirt und zeigt auf den Haselnussbaum.
„Was ist denn da?“
Der Zwerg legt seinen Finger an den Mund und zeigt wieder auf die Haselnuss. Jetzt sehe ich es auch:
Am Stamm huscht ein Eichhörnchen hoch. Langsam gehen wir näher heran. Es scheint uns nicht zu bemerken, denn es sitzt seelenruhig in den Ästen und knabbert an einer Nuss.

Eichhörnchen im Haselnussbaum

Ich zücke mein Handy, zoome heran und fotografiere es. Leider kann man es durch die Äste nicht so gut erkennen, also gebe ich dem Zwerg ein Zeichen. Leise schleichen wir durchs Gartentörchen auf den Kolonieweg, das Eichhörnchen immer im Blick. Ich kann kaum glauben, dass es nicht wegspringt, aber die Knabberei scheint es völlig in Beschlag zu nehmen.
Jetzt stehen wir direkt vor dem Baum, Auge in Auge mit dem Eichhörnchen. Regungslos hockt es auf einem Ast, eine dicke, weiße Nuss steckt in seinem Mund. Seine schwarzen Knopfaugen sind weit aufgerissen. Sie schauen mich an.

IMG_1307

Ich schaue das Eichhörnchen an. Es bewegt sich immer noch nicht. Es wirkt wie gelähmt.
„Mama, das Eichhörnchen erstickt!“, ruft der Zwerg.
„Nein, dann würde es vom Baum fallen“, sage ich, selbst wenig beruhigt von dieser Schlussfolgerung.

Es ist schwer einzuschätzen, ob das Tierchen gelähmt ist vor Angst oder sich einfach „tot“ stellt. Vielleicht hat es auch eine Kiefersperre, weil die Nuss zu groß ist?
„Wir sollten dem armen Ding helfen, die Nuss aus dem Mund zu bekommen“, sage ich.
„Aber wir dürfen es doch nicht anfassen. Dann riecht es nach Mensch und seine Mama will dann nichts mehr von ihm wissen!“, ruft der Zwerg empört.
Selbst jetzt macht das kleine Hörnchen keinen Mucks. Ein völlig untypisches Verhalten.
Ich glaube zwar nicht, dass unser Menschengeruch dem Tierchen schaden wird, aber es bekommt sicher einen Herzinfarkt, wenn ich es vom Ast hebe.

„Weißt du was“, schlage ich vor, „wir gehen jetzt einfach mal hinter die Laube. Wenn sich das Eichhörnchen sicher fühlt, nimmt es vielleicht die Nuss aus dem Mund und springt weg.“
Der Zwerg nickt und folgt mir nach hinten. Wir warten zehn Minuten, dann läuft mein Sohn zum Haselnussbaum nachschauen.
„Mama“, ruft er rüber, „es hat geklappt! Das Eichhörnchen ist weg!“

Na, Gott sei Dank! Keine Kiefersperre und keine Lähmung. Dafür hat unser kleiner Nager jetzt eine Geschichte, die er noch seinen Enkelkindern erzählen kann:
Wie ich einmal todesmutig eine Menschen-Mama und ihr Junges in die Flucht geschlagen habe.

Es kommt halt immer auf die Perspektive an. 🙂

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