Schwarze Zitronen

Die Sommer meiner Kindheit waren lang, heiß und immer sonnig. Meine Mutter kochte literweise Malventee und füllte ihn in leere Sprudelwasserflaschen, die sie dann in den Kühlschrank stellte. Wir spielten den ganzen Tag auf dem Feld und kletterten in gebüschigen Abhängen herum. (Wer jetzt denkt, ich sei auf dem Land groß geworden: Nö, stimmt nicht. Es ist eine kleine Industriestadt, aber trotzdem gab es auf der Straßenseite gegenüber unseres Hauses ein riesiges Feld und vieleviele Bäume und Sträucher.)
Höhepunkt des Sommers war für mich, wenn die Brombeeren schwarz am Strauch hingen. Eimerweise pflückten wir Kinder sie, und was wir nicht sofort aßen, trugen wir nach Hause. Meine Mutter machte Quark, Kuchen und vor allem Marmelade daraus. Es schmeckte himmlisch!

Seit ich im Übergabegutachten gelesen habe, dass Brombeeren in unserem Garten wachsen, freue ich mich darauf, wenn sie reif sind. Ich will sie naschen und vor allem dem Zwerg meine Kindheitserinnerungen weitergeben. Nachdem ich leider die Himbeeren am Nachbarstrauch irgendwie verpasst habe, soll mir das mit den Brombeeren nicht passieren. Bei jedem Gartenbesuch schaue ich ganz genau hin. Und dann ist es auf einmal so weit:
Brombeeren am StrauchMindestens zwanzig Beeren hängen tiefschwarz am Strauch.
„Mann, Zwerg, kommt mal her!“, rufe ich. „Das ist ein historischer Augenblick. Die ersten Brombeeren dieses Sommers!“
Ich pflücke drei Beeren ab, zwei davon verteile ich an Mann und Zwerg so ehrfurchtsvoll, als seien es Hostien. Fehlt noch, dass wir uns bekreuzigen, bevor wie sie essen.
„Bäääh!“ Der Zwerg spuckt die Beere zurück in seine Hand.
Der Mann rümpft die Nase und in meinem Mund zieht sich alles zusammen. Sauer! Diese tiefdunklen, glänzenden Beeren sind sauer! So eine Gemeinheit!
„Mama, sind das schwarze Zitronen?“, fragt mich der Zwerg und lässt die ausgespuckte Beere auf den Boden fallen.
„Ganz im Gegenteil“, seufze ich und räume den Brombeeren noch eine weitere Woche Schonfrist ein. Dann sind sie hoffentlich reif und so süß wie schwarzer Zucker. Damit ich dem Zwerg doch noch mein Kindheits-Brombeergefühl vererben kann. 🙂

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Ein Kommentar zu “Schwarze Zitronen

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