Viertelfinale: Die Kleingartenkolonie bebt

Ich sitze in meinem Homeoffice und arbeite vor mich hin. Die Sonne scheint auf den Monitor, es ist kaum etwas zu erkennen. Irgendetwas läuft hier falsch. Ein Blick auf die Uhr: 15.30. In zweieinhalb Stunden spielt Deutschland gegen Frankreich.

Ich greife zum Handy und rufe den Mann an: „Wollten wir nicht Claudi fragen, ob sie das Spiel in ihrem Garten schaut?“
„Ach ja, stimmt, hatte ich ganz vergessen. Mach ich mal gerade.“
Zwei Minuten später: „Geht klar. Wir sollen was zu Grillen mitbringen. Besorge ich. Bis gleich.“
Ich schließe alle Dokumente, packe kurze Hose, T-Shirt und Sandalen für meinen Businessman ein sowie die infernalisch laute Fußball-Ratsche, die meine Eltern letztens dem Zwerg geschenkt haben. Fußball und RatscheDie ist soooo laut, dass wir eine Regel aufgestellt haben: Geratscht wird nur, wenn die favorisierte Mannschaft ein Tor schießt. In Ausnahmefällen erlauben wir kurzes Ratschen in euphorisierenden Momenten – aber nur auf doppelt ausgefüllten Antrag.

Ich radle zur Kita und sammle den Zwerg ein, der ob der Tatsache, dass wir jetzt in den Garten fahren, ein anderes Kind wird: Noch nie ist er so zügig (und vor allem so freiwillig) auf Toilette gegangen, hat sich Schuhe und Jacke angezogen und steht bereit, bevor ich „Zwerg, jetzt mach doch mal weiter“ sagen kann.
Wir fahren in der S-Bahn Richtung Kolonie, und wie es der Zufall so will, steigt der Mann ein paar Stationen später genau in unseren Waggon. Das Hallo ist groß. Noch eine Stunde bis zum Spiel.

Auf Parzelle schmeißen wir unsere Sachen ab, der Mann zieht sich um, und los geht es zwei Lauben weiter zu Claudi und Bert. Hier sitzen sie schon in großer Runde, Weißweinschorle und Bier kreisen, es gibt duftenden Blechkuchen mit Kirschen und karamellisierten Mandeln. Die zwanzig Jahre alte Markise ächzt im Wind, schützt uns aber vor der Sonne. Leider ist der Blick auf den Röhrenfernseher so verstrahlt wie auf meinen Monitor: Man sieht nicht wirklich viel. Aber egal. Ich merke mir, in welche Richtung Deutschland schießen muss und orientiere mich ansonsten an den Kommentaren des Moderators und der anderen. Einer in unserer Runde ist Halbfranzose und für Frankreich. Wenn wir jubeln, geht sein Fluchen unter, wenn wir vor Schreck wie gelähmt sind, hört man, wie er sich freut.

In der Halbzeitpause gehe ich eine Runde durch Claudis Garten. Sie hat ihn letztes Jahr genauso blauäugig übernommen wie wir unseren im Februar. Vor ein paar Wochen hatte sie Besuch von einer befreundeten Floristin, die ihr die Namen sämtlicher Pflanzen auf kleine Täfelchen geschrieben hat. Diese Täfelchen klemmen überall. Forsythie lese ich, Kirschlorbeer, Liebstöckel, Herbstaster usw. So etwas könnte ich auch gebrauchen. Noch immer rätsele ich über so manches Gewächs in unseren Beeten. Auf Anfrage erfahre ich, dass die Floristin 600 km weit weg wohnt. Zu dumm.

In der zweiten Halbzeit kann ich mich, wie üblich, nicht umgewöhnen und peile daher nicht, als Deutschland das 1:0 schießt. Gerade will ich mich ärgern, als die anderen jubeln. Der Zwerg greift zur Ratsche und pustet uns das Trommelfell weg. Die Kleingartenkolonie bebt: Aus den Nachbargärten wallt Jubel zu uns herüber, Raketen werden abgeschossen, Vogelschwärme schießen aus den Bäumen in den Himmel. Unser Frankreichfan ruft: „So ein Mist!“ Zumindest meine ich es ihm von den Lippen abzulesen.

Nach dem Spiel wird der Grill angeschmissen. Vegetarier, Veganer und Fleischfresser kauen einträchtig nebeneinander und analysieren das Match. Der Mann und ich setzen uns ab und gehen gießen. Leider sind Stellen des Rasens verbrannt. Wir müssen wirklich öfter zum Wässern kommen, merken wir.
Eine Stunde später hat unser Garten das, was ihm zusteht. Das Wasser tropft von den Blättern, die Erde ist nass und schwarz. Tief befriedigt gehen wir zurück zu Claudi und den anderen. Mit den Worten: „Ich habe einen ganz tollen Trick gelernt, aber das ist mein Geheimnis!“ rennt uns der Zwerg entgegen. Die anderen grinsen diabolisch. Ich will lieber nicht wissen, was sie ihm beigebracht haben. Spätestens wenn etwas kracht, zerbricht oder mit lautem Pfeifen auseinanderfliegt, wird es mir dämmern.

Beim Beginn des zweiten Spiels mache ich mich mit dem Zwerg auf den Heimweg, der Mann bleibt noch. Wir gehen den dunklen Weg von der Kolonie bis zur Hauptstraße. Man sieht nur einen Meter weit, es ist ein bisschen unheimlich (das nächste Mal nehmen wir eine Taschenlampe mit), aber gleichzeitig zirpen die Grillen. Immer wieder bleiben wir stehen, um zu lauschen. Wann hat man das schon mal in der großen Stadt, die ständig hell und laut ist? Die Antwort: Wenn man einen Schrebergarten hat. 🙂

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Ein Kommentar zu “Viertelfinale: Die Kleingartenkolonie bebt

  1. Pingback: Rien ne va plus im Garten de luxe | mussnochgiessen

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