Polka am Abgrund

In der Kolonie wird das Wasser angestellt, und der Mann muss flugs die Wasseruhr, die seit Wochen auf seinem Sekretär herumliegt, einbauen. Wir statten unserem Garten einen Wochenendbesuch ab. Die Hecken sind plötzlich grün, die Beete immer noch ungeharkt, dafür aber voll mit den Anfängen unbekannter Pflanzen.
Ich versuche mich weiter im Rechen, der Mann klettert in den Schacht, um die Uhr zu installieren. Allein, es fehlt die richtige Zange. Also losgezogen und schon mal die Nachbarn drei Parzellen weiter kennengelernt. Die haben auch massig zu tun. Dem Schrott nach zu urteilen, der auf ihrem Rasen liegt, haben sie die komplette Laube entkernt und renoviert.
Mit neuem Werkzeug macht sich der Mann wieder an die Arbeit. Ich säubere derweil die Rasenstücke und vor allem die ganzen Platten von den braunen Würmchen, die in Scharen von den Haselnussbäumen auf unser Grundstück gefallen sind. Mensch, sind die hartnäckig.

Der Zwerg turnt auffällig oft an dem Schacht herum, in dem der Mann gerade flucht. Ich sehe ihn (den Zwerg) schon abrutschen und reinfallen und sich dabei das Genick …
„Hilf mir doch mal dabei, die Würmerhäufchen in die Laubtasche zu schütten!“, rufe ich ihm zu. Mit Erfolg. Er switcht seine Aufmerksamkeit vom Abgrund auf das Kehrblech und kommt herübergerannt. Gerade noch lobe ich mich für mein pädagogisches Geschick, da springt der Satansbraten in meine sorgfältig zusammengerechten Häufchen und verteilt die Würmerscharen in alle Richtungen. Sogleich flitzt er wieder zum Schacht und tanzt eine Polka auf der Kante.
„Grrrrmpffff!!!!“ (Ich)
„Pass auf, dass du mir nicht auf den Kopf trittst!“ (Mann)
„Du sollst aufpassen!“ (Mann)
„Komm weg vom Schacht!“ (Ich)
„Verdammt noch mal!!!!!“ (Mann)
„Wer hat Lust auf ein Bonbon?“ (Ich)
„Hurra!“ (Zwerg, sofort vom Schacht ablassend und in meine Richtung rennend)
„Na, toll!“ (Ich, meine mütterliche Autorität als nicht vorhanden erkennend)

Während der Zwerg das Bonbon – eine verklebte Hustenpastille, die ich Gott sei Dank noch in der Tasche hatte – lutscht, hallen Flüche aus dem Schacht. Das mit der Wasseruhr scheint schwieriger als gedacht.
Irgendwann klettert der Mann die Leiter hoch hebt resigniert die Arme: „Das Teil ist undicht. Kann ich so nicht lassen.“
„Frag doch mal einen von den Profis hier“, schlage ich vor.
Der Mann ist nämlich nicht so wie andere Männer, die auf dem Weg von Berlin nach Hamburg lieber in Bayern landen, als mal jemanden nach dem Weg zu fragen.
Er nickt und zieht wieder los. Ich würde derweil gern weiter die Würmchen eliminieren, aber keine Chance: Der Zwerg will mit mir Indianer spielen. Also gut, laufe ich eben jaulend mit ihm um die Laube und schieße imaginäre Pfeile auf imaginäre „Feinde“.
Der Mann kommt wieder. „An der Wasseruhr fehlt die Dichtung“, sagt er. „Ich muss auf dem Heimweg noch im Baumarkt vorbeifahren.“
Super, jetzt hat er den ganzen Nachmittag in diesem dunklen Verlies zugebracht, anstatt die Sonne zu genießen. Er setzt sich auf die Bank und hält sein Gesicht gen Süden. Derweil schnappe ich mir den Zwerg und trage die Laubsammeltasche mit den paar Würmchen, die ich erlegen konnte, zum Kompostplatz.
Magere Ausbeute für den Mann und die Frau. Immerhin der Zwerg ist glücklich: Er hat am Abgrund getanzt, Würmerhaufen zerstört, ein Bonbon bekommen und Indianer gespielt. Aber genau dafür haben wir die ganze Gartennummer ja angefangen. Voller Erfolg also.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s